Über 11 Millionen Kinder und Jugendliche in Deutschland gehen zur Schule. Welchen Herausforderungen begegnen sie aktuell in unserem Bildungssystem?
Vision, Mission und Strategie
Unsere Vision ist ein Bildungssystem, das allen Kindern und Jugendlichen verlässlich gute Bildungschancen eröffnet, ihre Lern- und Leistungsentwicklung stärkt und Schule zu einem Ort macht, an dem demokratisches Lernen und Persönlichkeitsentwicklung zusammenwirken.
Mit unseren Partnerorganisationen in den Bundesländern schaffen wir nachhaltige Strukturen über LdE-Landeszentren, Multiplikator*innen und Fortbildner*innen vor Ort sowie Kooperationen mit Bildungsministerien, um Lernen durch Engagement in Curricula und der Aus- und Fortbildung von Lehrer*innen zu verankern.
1. Bildungsbenachteiligung
Der Bildungserfolg von Kindern hängt in Deutschland noch immer stark von ihrer sozialen Herkunft ab. Das zeigt sich in zahlreichen bundes- und landesweiten Vergleichsstudien. Kinder und Jugendliche, die in Armut aufwachsen oder deren Eltern gering qualifiziert oder erwerbslos sind, haben schlechtere Chancen auf eine erfolgreiche Bildungsbiografie, gesellschaftliche Teilhabe und ein selbstbestimmtes Leben (vgl. OECD 2020).
In den vergangenen Jahren haben sich diese Ungleichheiten teilweise weiter verschärft. Die Corona-Pandemie hat bestehende Benachteiligungen zusätzlich sichtbar gemacht, etwa durch Schulschließungen und ungleiche Voraussetzungen beim Distanzlernen.
2. Unzureichende Förderung von Lern- und Leistungsentwicklung
Die Lern- und Leistungsentwicklung vieler Schüler*innen bleibt im deutschen Schulsystem hinter ihren Möglichkeiten zurück. Schulen schaffen es bislang nicht überall, alle Lernenden gezielt beim Erreichen anspruchsvoller fachlicher Standards zu unterstützen. Zwar gibt es klare Bildungsstandards für wichtige Kompetenzbereiche, in der Praxis profitieren jedoch nicht alle Schüler*innen gleichermaßen davon.
Zudem zeigen aktuelle Studien Leistungsrückgänge und wachsende Unterschiede im Leistungsniveau (vgl. Nationaler Bildungsbericht 2024). Das deutet darauf hin, dass Unterricht oft noch nicht ausreichend differenziert und lernwirksam gestaltet ist. Methoden, die einige Schüler*innen gut fördern, helfen anderen nicht verlässlich beim Aufbau ihrer Kompetenzen.
3. Komplexe Defizite im Bildungssystem zur Förderung von Demokratiekompetenz und Persönlichkeitsentwicklung
Demokratie und gesellschaftlicher Zusammenhalt entstehen nicht von selbst. Sie müssen in jeder Generation neu gelernt, gelebt und aktiv gestaltet werden. Demokratiekompetenz bedeutet dabei mehr als Wissen über Wahlen oder politische Beteiligung. Sie umfasst auch die Fähigkeit, kritisch zu urteilen, verantwortungsvoll zu handeln und gemeinsame Entscheidungen auszuhandeln. Trotz Vorgaben in den Schulgesetzen ist Demokratiebildung bislang jedoch noch nicht in allen Schulen fest als fächerübergreifender Bestandteil von Unterricht und Schulentwicklung verankert. Aktuelle Studien zeigen deshalb einen deutlichen Handlungsbedarf:
- Die Shell-Jugendstudie 2024 zeigt, dass Jugendliche zwar überwiegend demokratiebefürwortend sind, zugleich aber eine wachsende Offenheit für populistische Positionen erkennen lassen.
- Besorgniserregend ist auch die aktuelle Lage des psychischen Wohlbefindens junger Menschen. Laut der Trendstudie „Jugend in Deutschland 2024" empfinden 51 Prozent der jungen Menschen Stress und 36 Prozent Erschöpfung angesichts der großen Herausforderungen unserer Zeit wie Klimakrise, Inflation und gesellschaftliche Spaltung. Einsamkeit und das Gefühl, nicht wirklich zur Gemeinschaft dazuzugehören, sind weit verbreitet.
- Laut dem Deutschen Schulbarometer 25/26 weisen 25 % der Schüler*innen psychische Auffälligkeiten auf – ein Niveau, das auch nach der Pandemie deutlich über dem vorherigen Stand liegt (vgl. Deutsches Schulbarometer 25/26)
Vor diesem Hintergrund kommt Schule eine zentrale Rolle zu: Als verbindlicher Lern- und Lebensraum kann sie dazu beitragen, die Entwicklung zu selbstbewussten Persönlichkeiten zu unterstützen und die seelische sowie körperliche Gesundheit von Kindern und Jugendlichen zu stärken.
Dafür braucht es Veränderungen darin, wie Kinder und Jugendliche in der Schule lernen und wie sie Schule im Alltag erleben: als Ort, an dem Wissen Bedeutung gewinnt, Beteiligung möglich wird und junge Menschen erfahren, dass sie mit ihren Kompetenzen wirksam handeln können.
Unsere Vision ist ein Bildungssystem, das allen Kindern und Jugendlichen verlässlich gute Bildungschancen eröffnet, ihre Lern- und Leistungsentwicklung stärkt und Schule zu einem Ort macht, an dem demokratisches Lernen und Persönlichkeitsentwicklung zusammenwirken.
Bildungschancen
Lernen durch Engagement (LdE, engl. Service-Learning) schafft wichtige Voraussetzungen für erfolgreiches Lernen. Schüler*innen erleben Motivation, Aktivierung und Selbstwirksamkeit in anregenden und kooperativen Lernsettings. Unabhängig von Herkunft oder individuellen Voraussetzungen erhalten sie die Möglichkeit, Kompetenzen zu entwickeln, die sie für ein selbstbestimmtes Leben und gesellschaftliche Teilhabe brauchen – wirtschaftlich, politisch, sozial und kulturell.
Lern- und Leistungsentwicklung
Mit Lernen durch Engagement entstehen Lernprozesse, die fachliches Verstehen vertiefen, Motivation und Selbstwirksamkeit stärken und überfachliche Kompetenzen gezielt fördern. Schüler*innen setzen sich mit realitätsnahen Fragestellungen auseinander, entwickeln eigene Lösungsansätze und wenden Wissen in neuen Zusammenhängen an. So werden eigenständiges Denken, Problemlösefähigkeit und nachhaltiges Lernen unterstützt.
Schule als Lern- und Lebensort für Demokratie und Persönlichkeitsentwicklung
Lernen durch Engagement eröffnet Schüler*innen die Möglichkeit, Verantwortung für gesellschaftliche Anliegen in ihrem Umfeld zu übernehmen. Durch die Verbindung von Lernen und praktischem Engagement setzen sie sich mit ihrem Wissen sowie Werten, Haltungen und Handlungsmöglichkeiten auseinander. Demokratie wird dadurch im Schulalltag konkret erfahrbar und Demokratiekompetenz gezielt gestärkt. Gleichzeitig entstehen Lern- und Beziehungsräume, die das Wohlbefinden fördern und die Entwicklung selbstbewusster Persönlichkeiten unterstützen können.
Was tragen wir zur Verwirklichung unserer Vision bei?
Wir gestalten Rahmenbedingungen für LdE.
In Kooperation mit Ministerien, Landesinstituten und weiteren Partnern wirken wir auf die Etablierung nachhaltiger Strukturen hin, etwa durch Landesstrategien, Steuerungskreise und Förderprogramme, damit Lernen durch Engagement in Bildungspläne, Fortbildungsangebote und Lehrer*innenbildung der Bundesländer aufgenommen wird.
Wir qualifizieren pädagogische Schlüsselrollen.
Über einheitliche, qualitätsgesicherte Zertifikatscurricula qualifizieren wir zentrale Rollen im Unterstützungssystem – Lehrkräfte, Multiplikator*innen, didaktische Trainer*innen und Schulentwicklungsbegleiter*innen – zur qualitätsgesicherten Verankerung von Lernen durch Engagement in Unterricht und Schulentwicklung. Schulleitungen sind dabei zentrale Treiber.
Wir entwickeln LdE systematisch weiter.
Dazu erproben, evaluieren und schärfen wir die Unterrichtsform kontinuierlich, damit sie einen wirksamen Beitrag zur Lösung aktueller gesellschaftlicher Herausforderungen leisten kann.
Wir bauen strategische Partnerschaften auf.
Über Ländergrenzen hinweg vernetzen wir zivilgesellschaftliche, wissenschaftliche und institutionelle Akteure, bündeln Wissen und schaffen gemeinsame Standards für mehr Wirkung.
Um Lernen durch Engagement bundesweit im deutschen Schulsystem zu verbreiten und dauerhaft zu verankern, verfolgen wir eine systemische Strategie. Dabei gehen wir davon aus, dass nachhaltige Veränderungen nur gelingen, wenn pädagogische Praxis, unterstützende Strukturen und strategische Steuerung eng zusammenwirken. Deshalb verbinden wir Strukturaufbau, Qualifizierung und inhaltliche Weiterentwicklung in drei aufeinander abgestimmten Handlungsfeldern:
1. Strukturen aufbauen – Systemverantwortung in den Ländern etablieren
Wir unterstützen die Bundesländer beim Aufbau tragfähiger Strukturen für Lernen durch Engagement. Dazu gehören landesspezifische Strategien und Landeszentren, Steuerungskreise und Verantwortungsgremien ebenso wie die Verankerung von Lernen durch Engagement in Bildungsplänen und der Lehrkräftebildung. Gleichzeitig entwickeln wir länderübergreifende Austausch- und Abstimmungsformate weiter, um gemeinsame Ziele, Qualitätsstandards und Erfahrungen aus den Ländern systematisch zusammenzuführen.
2. Aus- und Fortbilden – ein bundesweites Qualifizierungs- und Unterstützungssystem
Wir bauen ein bundesweit einheitliches und qualitätsgesichertes Fortbildungs- und Qualifizierungssystem auf. Ziel ist es, pädagogische Schlüsselpersonen dabei zu unterstützen, Lernen durch Engagement langfristig und wirksam in Schulen und Bildungssystemen zu verankern.
3. Innovationen ermöglichen – auf gesellschaftliche Herausforderungen reagieren
Wir erarbeiten Programme, die Lernen durch Engagement als wirksamen Ansatz zur Bearbeitung gesellschaftlicher Herausforderungen stärken und in aktuelle Bildungsdebatten einbringen.
Prof. Dr. Thomas Rauschenbach, Seniorprofessor TU Dortmund und ehem. Leiter des Deutschen Jugendinstituts (DJI)Lernen durch Engagement bringt die Fülle unseres gesellschaftlichen Lebens in Schule und Unterricht, und erweitert erheblich den Bildungshorizont durch erfahrungsbasiertes Lernen. Dadurch erleben alle Kinder und Jugendlichen vielfältige Bereicherungen, die diese Formen des Engagements eröffnen. LdE stärkt ganz erheblich die Handlungsfähigkeit junger Menschen: Das ist das, was ich unter erweiterter Bildung verstehe.