Lesekompetenzen entscheiden über Bildungschancen und gesellschaftliche Teilhabe, doch immer mehr Kinder erreichen die Mindeststandards nicht. Unser Programm „Lesen mit Wirkung“ verbindet gezielte Leseförderung mit Lernen durch Engagement: Schüler*innen lesen jüngeren Kindern vor, schreiben Geschichten oder entwickeln Lesespiele und erleben dabei, warum ihre Fähigkeiten zählen.
Wer nicht liest, bleibt abgehängt
Lesen ist keine Nebensache. Wer Texte versteht, kann Informationen prüfen, eigene Gedanken ausdrücken und am gesellschaftlichen Leben teilnehmen. Lesen ist die Grundvoraussetzung für Bildung, Demokratie und die Chance, die eigene Zukunft zu gestalten.
Doch Bildungsstudien wie IGLU, IQB-Bildungstrend oder PISA zeigen, dass immer mehr Kinder und Jugendliche die erwarteten Mindeststandards im Lesen nicht erreichen. Besonders betroffen sind Schüler*innen, denen der Zugang zu Büchern, sprachlicher Förderung und stärkenden Bildungserfahrungen fehlt. Ein Problem, das sich im Schulalltag zeigt und nicht von allein verschwindet.
Dabei ist bekannt, was hilft: gezielte Arbeit an Leseflüssigkeit, Textverständnis, Wortschatz, mehr Sprechen und Schreiben. Das braucht klare Lernziele, regelmäßige Übung im Unterricht und einen Anlass, der Schüler*innen berührt und motiviert. Hier liegt der Ausgangspunkt unseres Programms „Lesen mit Wirkung".
Lesekompetenz wächst im Engagement
„Lesen mit Wirkung" verbindet systematische Leseförderung mit der Unterrichtsform Lernen durch Engagement (LdE). Das bedeutet: Schüler*innen wenden das, was sie im Unterricht lernen, in echten Situationen an, um Andere zu unterstützen. In selbst geplanten Engagement-Projekten tragen sie etwas zur Lösung einer gesellschaftlichen Herausforderung bei und erleben, dass ihre Kompetenzen gebraucht werden.
Im Bereich Leseförderung bedeutet das konkret: Schüler*innen lesen, schreiben und sprechen nicht nur für eine schulische Aufgabe, sondern für eine reale Zielgruppe und einen nachvollziehbaren Zweck. Sie lesen vor oder bereiten Texte für jüngere Kinder auf. Sie schreiben Geschichten, die tatsächlich gelesen werden. Sie entwickeln Lesespiele und testen sie mit anderen Kindern.
Wer weiß, dass das, was er oder sie schreibt, in den Händen eines Kindes aus der ersten Klasse landet, liest seinen Text mit anderen Augen. Wer eine Geschichte laut vorliest und dabei beobachtet, wie ein Kind zuhört, spürt, ob Betonung und Tempo stimmen. Dieser Rückkopplungseffekt ist kein pädagogischer Trick: Er verändert, wie Lernen erfahren wird.
LdE ersetzt keine systematische Leseförderung, aber hat das Potenzial, sie wesentlich zu stärken.
Drei Beispiele aus der Praxis
Wie kann Leseförderung mit Lernen durch Engagement im Unterricht aussehen?
Vorlesen für jüngere Kinder: Schüler*innen üben im Deutschunterricht betontes Vorlesen, wählen geeignete Kinderliteratur aus und bereiten Texte für eine bestimmte Altersgruppe auf. Dann gestalten sie Vorleseformate in einer Kita oder Grundschule. Danach werten sie im Unterricht aus: Welche Texte haben funktioniert? Was hat das Verständnis der jüngeren Kinder gestützt? Was würden sie beim nächsten Mal anders machen?
Geschichten schreiben und weitergeben: Im Deutsch- und Gesellschaftsunterricht setzen sich Schüler*innen mit zielgruppengerechter Sprache auseinander. Sie schreiben eigene Geschichten, überarbeiten sie, üben das Vorlesen und stellen ihre Texte schließlich jüngeren Kindern vor. Sprachliches Lernen ist dabei mit echter Begegnung und ehrlichem Feedback verbunden.
Lesespiele und Materialien entwickeln: Schüler*innen analysieren, was jüngeren Kindern beim Lesenlernen hilft, und entwickeln daraus Lesespiele, Übungsformate oder kreative Materialien. Sie testen ihre Ideen mit einer konkreten Gruppe, holen Rückmeldungen ein und überarbeiten ihre Materialien im Unterricht.
In allen drei Fällen gilt: Der Unterricht bleibt der Ort, wo gelernt und ausgewertet wird. Die Anwendung nach außen gibt dem Lernen Richtung und Bedeutung.
Zuerst verstehen, dann ausweiten
„Lesen mit Wirkung" befindet sich in einer ersten Entwicklungsphase. Im Netzwerk Lernen durch Engagement gibt es seit Jahren Schulen, die Lesen, Schreiben und Sprechen bereits mit Engagement-Formaten verbinden. Mit „Lesen mit Wirkung" nehmen wir sie genauer unter die Lupe: Was ist der spezifische Mehrwert von LdE für Leseförderung? Welche didaktischen Bedingungen sind entscheidend? Wie lässt sich dieser Ansatz sinnvoll mit bewährten Lesefördermaßnahmen verbinden?
Dafür arbeiten wir mit unseren Netzwerkpartner*innen in Bayern. Gemeinsam ...
- bereiten wir den Forschungsstand zu Leseförderung, Literacy und LdE auf,
- arbeiten wir heraus, wo LdE Leseförderung gezielt stärken kann,
- machen wir vorhandene Praxis aus dem Netzwerk sichtbar und
- begleiten wir erste Grund- und Mittelschulen dabei, Leseförderung mit LdE umzusetzen.
Das, was in kleinem Rahmen entsteht, soll perspektivisch mehr werden: ein fachlich geklärter Ansatz für Schulen, Fortbildner*innen, LdE-Landeszentren und Förderpartner*innen, die Leseförderung wirksam stärken möchten.