Kaufmännisches Schulzentrum Böblingen

Vielfalt und Wertschätzung

Am Kaufmännischen Schulzentrum Böblingen zeigt ein Seminarkurs, wie fachliches Lernen und gesellschaftliches Engagement zusammenfinden. Die Schüler*innen des Kaufmännischen Berufskollegs II setzen sich in verschiedenen Unterrichtsfächern mit Vielfalt, Teilhabe und Wertschätzung auseinander und entwickeln daraus eigene Engagementprojekte.

Im Unterricht gehen sie Fragen nach, die im Alltag oft zu kurz kommen: Wie entstehen Vorurteile? Was bedeutet Würde im Leben? Und wie kann man Vielfalt nicht nur besprechen, sondern vor Ort gestalten? Diese Fragen greifen sie in BWL, Geschäftsprozessen, Gesamtwirtschaft, Geschichte mit Gemeinschaftskunde, Englisch und Biologie auf und verknüpfen sie mit den Erfahrungen aus den Projekten.

14.000 Euro für ein neues Pflegebad 

Eine Gruppe nimmt einen konkreten Bedarf bei der neu gegründeten Herzpunkt gGmbH auf, einer Tageseinrichtung für Menschen mit schweren und Mehrfachbehinderungen. Nach dem Besuch der Einrichtung ist für die Jugendlichen klar: Ein barrierefreies Pflegebad wird dringend gebraucht. Sie organisieren eine große Spendengala mit über 200 Personen, an der auch eine Vertreterin der Bürgermeisterin sowie die betreuten Personen und deren Angehörigen teilnehmen.

Das Ergebnis: 14.000 Euro kommen zusammen, und das Bad wird gebaut! Für die Lerngruppe wird dabei besonders deutlich, dass gemeinsames Handeln etwas Konkretes verändern kann.

© Kaufmännisches Schulzentrum Böblingen

Vorurteile prüfen, Haltung gewinnen

Eine zweite Projektgruppe beschäftigt sich mit Bürgergeld und den schnellen Urteilen, die darüber im Alltag und in den Medien kursieren. Die Jugendlichen setzen sich mit dem gesellschaftlichen Bild von Bürgergeldempfänger*innen auseinander, das oft von Klischees und pauschalen Vorwürfen geprägt ist. Ziel ist es, Lebenslagen besser zu verstehen und vorschnelle Urteile zu hinterfragen.

Dafür suchen die die Jugendlichen eigenständig Interviewpartner*innen beim Jobcenter Böblingen. Sie führen Gespräche, werten die Aussagen aus und nutzen die Ergebnisse als Grundlage für ihre Seminararbeit. So rückt das Thema aus der Schlagzeile in die Lebensrealität. Das öffentliche Bild des „Ausnutzens des Systems“ wird durch objektive Daten und Einschätzungen aus der Praxis relativiert. Die Schüler*innen entwickeln auf dieser Basis eine eigene, sachlichere Haltung.

Sichtbar wird das Projekt unter anderem auf Plakaten beim LdE-Stand zu den Internationalen Wochen gegen Rassismus, bei der Abschlussveranstaltung mit den externen Engagementpartner*innen und in einem Vortrag in der Klasse.

Fachliche Anknüpfung

Diese Projekte entstehen nicht im luftleeren Raum, sondern sind tief in den Fachunterricht eingebettet. Das Oberthema „Arbeiten, lernen und leben in Vielfalt und Wertschätzung" ist im schulischen Leitbild verankert. Jedes Fach trägt auf eigene Weise zur Ideenfindung, Reflexion und Umsetzung bei.

In Geschichte mit Gemeinschaftskunde prüfen die Schüler*innen anhand konkreter internationaler Fallbeispiele wie dem Umgang mit Uiguren in der VR China oder dem Gefangenenlager Guantanamo, inwiefern dort Menschenrechtsverletzungen vorliegen, und nehmen die Perspektiven Betroffener ein. Biologie vermittelt Grundlagen genetischer Vielfalt und biologischer Geschlechtsbildung. Im Englisch-Unterricht werden Diskriminierung, verschiedene Familienmodelle und das Leben mit Behinderung in der Arbeitswelt beleuchtet. BWL führt über Diversity Management und das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) zum Kontakt mit der Herzpunkt gGmbH, Geschäftsprozesse zur Entwicklung nachhaltiger Geschäftsideen entlang der 17 Sustainable Development Goals (SDGs). Gesamtwirtschaft liefert den Rahmen für die kritische Auseinandersetzung mit dem Bürgergeld.

Lernen, das nachwirkt

Besonders prägend ist für viele die Verbindung von fachlichem Arbeiten, persönlicher Erfahrung und gesellschaftlicher Wirkung. Die Schüler*innen der Pflegebad-Projektgruppe reflektieren ihre Projekte in ihrer Seminararbeit und erleben, dass auch zähe und anstrengende Phasen im LdE-Vorhaben wichtige Lernmomente sein können. Die Arbeit mit Interviews, Quellen und Praxiserfahrungen macht das Verfassen der Seminararbeit für sie sinnstiftend und greifbar.

Eine Schülerin bringt es auf den Punkt: „Man sagt immer nur, dass man mal was Gutes tun könnte. Jetzt haben wir das echt gemacht. Und das Bad ist da!“ Genau darin liegt die Stärke des Vorhabens: Lernen durch Engagement fördert sowohl fachliches Wissen als auch die Erfahrung von Selbstwirksamkeit, stärkt Verantwortung und zeigt, wie junge Menschen lernen, ihr Umfeld mitzugestalten.

Gerade die Momente, die die Schüler*innen als anstrengend erlebt haben, waren oft Momente, in denen wichtige Lernprozesse entstanden sind.

LdE-Lehrerin des Kaufmännischen Schulzentrums Böblingen
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