Klaus-Groth-Gemeinschaftsschule mit Grundschule Kiel

Die 1a setzt sich für Vögel ein

Erstklässler*innen lernen Schritt für Schritt, sich zu engagieren – und gemeinsam ein Projekt umzusetzen. Um mit einem Waffelverkauf Geld für Vogelnistkästen einzunehmen, bestehen die Kinder darauf, einzelne Buchstaben früher zu lernen als geplant.  

Mit einem Buch über einen Jungen, der einen Wald pflanzte, um seine Welt zu verändern, tasten sich die Kinder an Bedürfnisse von Natur und unterschiedlichen Lebewesen heran – und an die Vorstellung, die eigene Umwelt mitzugestalten. Auf der Suche nach einem Thema für ihr Engagement entscheiden die Schüler*innen, sich mit heimischen Vögeln zu beschäftigen: Welche Arten leben auf dem Schulhof? Was fressen sie, welche Feinde haben sie? Was bedeuten die einzelnen Jahreszeiten für die Tiere? Auch in einem Naturerlebniszentrum lernen sie Neues über heimische Vögel und darüber, wie sich Vogelfutter herstellen lässt.

Um schließlich aktiv zu werden und den Vögeln auf dem Schulgelände etwas Gutes zu tun, begreifen die Kinder, dass sie Geld für die Umsetzung ihrer handwerklichen Ideen brauchen. Sie entscheiden gemeinschaftlich, dass ihre Einnahmequelle ein Waffelverkauf in ihrer Schule sein soll, und bilden eigenverantwortlich Gruppen: Einige Erstklässler*innen holen die Genehmigung der Schulleitung ein, andere gestalten Werbeplakate, wieder andere organisieren den Verkaufstresen und die kommunikationsfreudigsten Kinder verkaufen die Waffeln. Das tolle Ergebnis: über 200 Euro – mehr als genug, um gebrauchte Nistkästen zu kaufen und zu erneuern. Die Schüler*innen fragen die Techniklehrerin für Unterstützung an, reparieren, schleifen und bemalen die Nistkästen und suchen ideale Plätze für sie auf dem Schulgelände. Im feierlichen Rahmen eines Schulfestes bringt sie die Hausmeisterei an.

Die Kinder haben gelernt, dass sie etwas erreichen können – egal, wie klein sie sind. Sie haben sich eingesetzt und ihnen wurde zugehört.

Annika Thomsen LdE-Lehrerin

Im Projektverlauf stoßen die Kinder auf vielfältige Herausforderungen, die LdE-Lehrerin Annika Thomsen immer wieder als Lernchancen gestaltet. Als die Erstklässler*innen in der Recherchephase vor Ideen sprudeln, miteinander diskutieren und in Abstimmungsprozessen nicht jede Idee gewählt werden kann, lernen sie, mit Frust und Enttäuschung umzugehen und Kompromisse zu schließen. Als die Erstklässler*innen mit der Idee eines Waffelverkaufs auf Widerstand seitens ihrer Lehrerin stoßen, die zu großen Aufwand fürchtet und einen Kuchenverkauf vorschlägt, müssen die Kinder Überzeugungsarbeit leisten – und gewinnen ihre diskussionsbereite Lehrerin doch noch. Fragen die Erstklässler*innen, wann sie endlich ihre handwerkliche Arbeit beginnen können, gibt Annika Thomsen die Verantwortung für ihr Projekt an die Kinder ab und fragt zurück: Was braucht es dafür an Vorbereitung? "Ich will, dass die Kinder selbst drauf kommen und Lösungen finden", sagt Annika Thomsen. Von Anfang an sagt sie: 'Das ist eure Stunde, das ist euer Thema, ich mache bei euch mit'.

© Klaus-Groth-Gemeinschaftsschule mit Grundschule Kiel

Um unterrichtliche Grenzen zu setzen, innerhalb derer die Erstklässler*innen gemeinsam freie Gestaltungsräume sicher erkunden können, schaut Annika Thomsen immer am Ende der LdE-Stunden mit den Schüler*innen auf das Erledigte und die nächsten Schritte. Durch diese organisatorische Unterstützung erkennen die Kinder, dass sie für den Waffelverkauf Plakate brauchen – aber noch nicht alle Buchstaben kennen, die in dem Wort "Vögel" vorkommen. Sie fragen ihre Lehrerin, ob sie im Deutschunterricht das "Ö" vorziehen kann, weil die Erstklässler*innen den Buchstaben nunmal brauchen. Weil die Kinder außerdem zwar schon die Zahlen bis 20 kennen, mit Geld aber noch nicht gerechnet haben, gehen sie auch auf ihre Mathematiklehrerin zu. "Die Kinder haben einfach unmittelbar gemerkt, wofür sie gewisse Lerninhalte brauchen. Dadurch ist eine intrinsische Motivation entstanden, die ich im typischen Deutschunterricht nicht herbeiführen kann", sagt Annika Thomsen.

Wenn du etwas machen willst, setz dich dafür ein. Gib nicht auf beim ersten 'Nein', sondern überlege dir einen Weg, um an dein Ziel zu kommen.

Annika Thomsen LdE-Lehrerin, über das Lernpotenzial von LdE für Grundschüler*innen

Die Lehrerin beobachtet ihre Erstklässler*innen dabei, wie sie sich im LdE-Unterricht miteinander auseinandersetzen, um herauszufinden, für welche Kinder welche Rolle im Projekt geeignet ist – wie sie in diesen Rollen Verantwortung übernehmen und merken, etwas bewegen zu können. "Die Kinder werden total selbstständig und alle finden eine Nische für sich, in der sie glänzen können. Das hat nichts mit dem typischen Unterricht zu tun", sagt Annika Thomsen. Für ihre Routine als Lehrerin bedeutet das Veränderung: sie diskutieren viel, reflektieren Ideen, planen zusammen. 

Anstatt Entscheidungen und Ergebnisse selbst in zwei Stunden herbeizuführen, sind es mit den Kindern zehn Stunden: "Das ist nicht leicht auszuhalten. Ich habe aber gemerkt, wie wertvoll es ist, den Kindern diese Zeit zu geben. Damit sie es auf ihre Art machen können, nicht auf Erwachsenenart." Mal versteht sich Annika Thomsen als Mitglied der Projektgruppe, mal als rahmende Begleitung. Die Kinder dürfen machen. Wenn sie Pläne verändern wollen, lernen sie, dafür zu argumentieren. Darin sieht die Lehrerin die zentrale Lernchance bei LdE: "Wenn du etwas machen willst, setz dich dafür ein. Gib nicht auf beim ersten 'Nein', sondern überlege dir einen Weg, um an dein Ziel zu kommen."

Die Kinder werden total selbstständig und alle finden eine Nische für sich, in der sie glänzen können. Das hat nichts mit dem typischen Unterricht zu tun.

Annika Thomsen LdE-Lehrerin
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