Persönlichkeitsbildung mit LdE

"Es geht darum, mündige Bürger*innen zu bilden"

Prof. Dr. Jürgen Budde von der Europa-Universität Flensburg ist einer der wenigen Wissenschaftler*innen, die sich mit schulischer Persönlichkeitsbildung beschäftigen. Im Interview sprechen wir darüber, warum Persönlichkeitsbildung für Lehrer*innen relevant ist und welche didaktischen Möglichkeiten er dafür in LdE sieht.


Warum ist Persönlichkeitsbildung ein Thema für Schulen?

Der gesetzliche Auftrag zu Persönlichkeitsbildung ist in den Schulgesetzen der Länder an prominenter Stelle adressiert. Gleichzeitig misst die Bildungspolitik dem Thema bislang wenig ernsthafte Bedeutung bei und auch die sogenannte empirische Bildungsforschung misst zwar unterschiedliche Kompetenzfelder, hat jedoch zumeist Fachunterricht im Blick.

Und Fachunterricht ist nicht gleich Persönlichkeitsbildung?

Es ist wichtig, dass Persönlichkeitsbildung in den Fachunterricht eingebunden ist. Persönlichkeitsbildung hat allerdings andere Ziele als Wissenserwerb oder das Trainieren von Kompetenzen: Es geht darum, meine Sicht auf mich selbst und meine Sicht auf die Welt zu entwickeln. Wenn wir "Bildung" ernst meinen, ist wiederum jede wirkungsvolle Bildung auch Persönlichkeitsbildung. Und dann ist Persönlichkeitsbildung der Auftrag von Schule.

Können Sie das theoretisch begründen?

Seitdem Menschen sesshaft wurden, entwickelten sich auch frühe Formen der Schule. Im antiken Ägypten oder Griechenland wurden ausgewählte kulturelle Wissensbestände einer Gesellschaft systematisch weitergegeben. Interessanterweise geschieht das nicht durch lebensweltliches Lernen über Nachahmung, sondern in zeitlich und räumlich abgegrenzten Institutionen. Spätestens im Laufe des 20. Jahrhunderts kommen der Schule auch disziplinierende und normierende Funktionen zu: Die preußische Schule etwa sollte auch nationale Identifikation herstellen. Darüber hinaus kommt mit dem humbold’schen Bildungsideal eine individuelle Funktion hinzu: Schule – zumindest die für das Bürgertum vorgesehenen Gymnasien – soll nun auch der Bildung der Persönlichkeit von Schüler*innen dienen, womit grob die Auseinandersetzung mit Normen und Werten gemeint ist.

Und die moderne Schule von heute?

Die modern Schule ist grundsätzlich doppelt verpflichtet: Einerseits dient sie der pädagogischen "Einsozialisation" der nachwachsenden Generation in gesellschaftliche Ordnungen, andererseits ist Schule der individuellen Bildung der Person verpflichtet. Damit werden erhebliche normative Ansprüche an Schule formuliert.

Auch in der Demokratiebildung geht es um gesellschaftliche Kompetenzen.

Ganz genau, das würde ich auch unbedingt in Zusammenhang sehen. Das oberste Ziel schulischer Bildung ist, Menschen zu mündigen Bürger*innen zu machen, indem sie sich selbst ins Verhältnis zu ihrer Umwelt setzen können. Demokratie ist ein soziales Unterfangen: Im Zentrum steht der Austausch mit anderen. Das würde ich bei Persönlichkeitsbildung genauso sehen. Persönlichkeitsbildung kann missverstanden werden als psychologisches Feilen an der eigenen Person – darum geht es den Schulgesetzen meiner Meinung nach nicht. Kooperationsfähigkeit, Verantwortungsbewusstsein, Empathie etc. funktionieren nicht ohne Selbstwertgefühl, Selbstbehauptung und so weiter: Das meint Persönlichkeitsbildung.

Wie steht es um Persönlichkeitsbildung in der schulischen Praxis?

Das Thema ist unklar konturiert. An Schulen findet sich kaum curriculare Entfaltung von Persönlichkeitsbildung. Extracurriculare Angebote und auch Fachunterricht scheinen häufig nicht hinreichend in der Lage zu sein, die Anforderungen an die Bildung der Persönlichkeit tatsächlich umsetzen zu können – sicher aus vielfältigen Gründen.

Was bietet LdE für die schulische Persönlichkeitsbildung?

LdE verknüpft fachliche Bildung und Persönlichkeitsbildung innerhalb des bestehenden Schulwesens. Diese curriculare Anbindung ist wie gesagt eine wichtige Voraussetzung für wirkungsvolle Persönlichkeitsbildung. Gleichzeitig können Lehrer*innen Erwartungen an Leistung aufrechterhalten, während sie Lernprozesse tatsächlich abbilden, anstatt in einem hierarchisierenden Modus von „besser-schlechter“ zu bleiben.

Damit einher gehen Transformationen in den Leistungsordnungen, denn das Endergebnis des Lernens ist nicht fixiert. Umso wesentlicher ist gerade der Prozess von der Entwicklung der Fragestellung über die Bearbeitung bis hin zur Darstellung. Schüler*innen bearbeiten dabei Fragestellungen zumeist über längere Zeiträume, kooperativ und zunehmend eigenverantwortlich. Erfolgreiche Projektmethode ist also kein ‚offener Unterricht‘, sondern strukturierte Selbstverantwortung mit konstruktiver Unterstützung und Begleitung durch die Lehrperson.

Welchen Unterschied kann LdE für das Erleben der Schüler*innen machen?

Ein Kernelement ist, dass sie im LdE-Projektunterricht konkrete Problemstellungen aus ihren individuellen Lebenswelten bearbeiten. Sie erleben, dass Gegenstände aus dem Alltag junger Menschen als fragenswert verhandelt werden. LdE zielt zudem unmittelbar auf einen gesellschaftlichen Bezug ab. Die Ergebnisse der Projekte verbleiben außerdem nicht im Kontext des Klassenraums, sondern werden in der Regel etwa in kommunale Strukturen zurückgespielt. Darüber ermöglicht Service-Learning, dass Schüler*innen Partizipation und Selbstwirksamkeit erleben: Damit können Lehrer*innen eine relevante Gelingensbedingung für Persönlichkeitsbildung systematisch in ihren Unterricht implementieren.

Wenn wir 'Bildung' ernst meinen, ist jede wirkungsvolle Bildung gleichzeitig auch Persönlichkeitsbildung. Und dann ist Persönlichkeitsbildung der zentrale Auftrag von Schule.

Prof. Dr. Jürgen Budde
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