Keynote LdE-Fachtag Resiliente Demokratie 2025

"Demokratiekompetenz als zentrale, unverzichtbare Bildungsaufgabe"

Einblicke in die Keynote von Prof. Dr. Ursula Münch, Direktorin der Akademie für politische Bildung Tutzing, zum Thema „Demokratiekompetenz – eine unverzichtbare Bildungsaufgabe“ beim Fachtag Lernen durch Engagement – Schule für eine resiliente Demokratie am 15. Oktober 2025 in München:

Die zentrale Rolle von Lehrer*innen im demokratischen Alltag

Viele Konflikte, die gesellschaftlich relevant sind, erscheinen direkt im schulischen Alltag – auf dem Pausenhof, im Klassenzimmer, in Gesprächen über Nachrichten. Gleichzeitig fühlen sich zahlreiche Lehrkräfte unsicher, wenn sie mit rassistischen, antisemitischen oder antidemokratischen Äußerungen konfrontiert werden. Für Prof. Dr. Münch ist klar: Politische Orientierung ist kein Spezialauftrag einzelner Fächer.

„Wer menschenfeindliche Aussagen hört, sollte einordnen, widersprechen und Orientierung geben – unabhängig vom eigenen Fach.“

Schule ist einer der wenigen Orte, an denen junge Menschen verlässlich mit demokratischen Regeln, Konflikten und Diskursen in Kontakt kommen.

Der demokratische Verfassungsstaat als Bezugsrahmen

Im Zentrum des Vortrags steht die Unterscheidung zwischen Demokratie als Idealbild und dem demokratischen Verfassungsstaat als realer politischer Ordnung. Münch betont, dass der Verfassungsstaat fehleranfällig ist und Kompromisse verlangt – aber gleichzeitig der effektivste Schutzraum gegen Machtmissbrauch und Autoritarismus bleibt.

„Der demokratische Verfassungsstaat ist nicht perfekt – aber er schützt Freiheit besser als jedes andere bekannte System.“

Populistische Bewegungen knüpfen dagegen oft an vereinfachte Demokratievorstellungen an: Die Idee, politische Vertreter*innen müssten schlicht den Willen „des Volkes“ ausführen. Das widerspricht den Grundprinzipien repräsentativer Politik, die Interessen bündelt, Kompromisse ermöglicht und Konflikte bearbeitbar hält.

Grenzen der Mehrheitsmacht: Die Bedeutung der Grundrechte

Ein wiederkehrendes Missverständnis ist die Vorstellung, dass Mehrheiten „alles entscheiden dürfen“. Münch stellt klar, dass in einem demokratischen Verfassungsstaat Grundrechte, Verfassungsprinzipien und die Gewaltenteilung klare Grenzen setzen.

„Demokratie ist nicht Mehrheitswillkür. Die Mehrheit kann nicht alles beschließen.“

Artikel 1 des Grundgesetzes und seine Begründung bilden für Münch einen zentralen normativen Orientierungspunkt – auch für die pädagogische Praxis.

Warum demokratische Verfahren Zeit brauchen

Viele Bürger*innen empfinden demokratische Prozesse als langsam oder hinderlich. Gerade föderale Strukturen oder Beteiligungsregeln werden oft als Belastung wahrgenommen. Münch lenkt den Blick darauf, dass diese Verfahren bewusst eingeführt wurden, um Machtkonzentration zu verhindern.

„Gewaltenteilung schützt – auch wenn sie im Alltag manchmal anstrengend ist.“

Wenn demokratische Institutionen als schwach gelten oder Erwartungen an schnelle Lösungen enttäuscht werden, steigen Attraktivität und Plausibilität autoritärer Forderungen.

Gesellschaftlicher Druck und „soft authoritarianism“

Die Referentin verweist auf Entwicklungen in verschiedenen Staaten, in denen demokratische Freiheitsräume schrittweise eingeschränkt werden. Wahlen finden zwar statt, doch Medienfreiheit, Justizunabhängigkeit und Minderheitenrechte werden unter Druck gesetzt – ein Prozess, den Münch als Weg in einen „soft authoritarianism“ beschreibt.

„Autoritäre Systeme entstehen nicht plötzlich. Sie beginnen mit Einschüchterung und dem Abbau demokratischer Sicherungen.“

Globalisierung, soziale Unsicherheiten und das Gefühl kollektiven Kontrollverlusts verstärken diese Dynamiken und schaffen ein Umfeld, in dem einfache Lösungen attraktiv erscheinen.

Auftrag für Schule: Demokratiekompetenz als Grundlage

Für die pädagogische Praxis leitet Münch eine zentrale Konsequenz ab: Demokratiekompetenz ist kein Zusatz, sondern ein Kernbestandteil schulischer Bildung. Sie umfasst Wissen über den Verfassungsstaat, die Fähigkeit zur Einordnung aktueller Konflikte und die Bereitschaft, menschenfeindlichen Aussagen zu widersprechen.

„Lehrkräfte müssen keine politischen Expert*innen sein – aber sie sollten demokratische Grundlagen sicher einordnen können.“

Demokratiekompetenz entsteht durch kontinuierliche Auseinandersetzung, nicht durch einmalige Interventionen.

Wer im schulischen Alltag menschenfeindliche Aussagen hört, darf nicht wegsehen. Demokratische Orientierung zu geben, ist Aufgabe aller Lehrkräfte – unabhängig vom Unterrichtsfach.

Prof. Dr. Ursula Münch Direktorin der Akademie für Politische Bildung Tutzing
to top