Was ist Lernen durch Engagement?

Die Unterrichtsform Lernen durch Engagement (kurz: LdE, engl. Service-Learning) verbindet fachliches Lernen mit gesellschaftlichem Handeln. 

Schüler*innen setzen sich mit einem Thema aus dem Unterricht auseinander und untersuchen, welche Bedeutung es in realen gesellschaftlichen Zusammenhängen hat, zum Beispiel bei sozialen, ökologischen oder politischen Fragen. Sie entwickeln Handlungsideen zu einer konkreten Herausforderung und setzen diese als Engagement in ihrem Umfeld um. Dabei wenden sie ihr Wissen praktisch an und vertiefen es.

 LdE verfolgt zwei zentrale Ziele: 

Bildungschancen verbessern

Die Unterrichtsgestaltung mit LdE schafft veränderte Zugänge zum Lernen und Lehren und ermöglicht so, dass Schüler*innen fachliche und überfachliche Kompetenzen stärken.

Demokratie stärken

Schüler*innen lernen, gesellschaftliche Fragen zu untersuchen und demokratische Entscheidungsprozesse mitzugestalten. 

So funktioniert Lernen durch Engagement im Unterricht

Lernen an realen Anforderungen

Viele Unterrichtsinhalte haben mit gesellschaftlichen Fragen zu tun: Wer profitiert? Wer wird ausgeschlossen? Welche Auswirkungen hat etwas, auf Mensch und Natur? LdE setzt dort an, wo Schüler*innen an solchen Fragen Unterrichtsinhalte genauer verstehen. 

Das kann mit einem Unterrichtsthema beginnen, mit einer Beobachtung starten oder mit einer Anfrage von außen. Entscheidend ist, dass es nicht um einfache Mitmach-Aktionen geht. Vielmehr prüfen Schüler*innen im Unterricht mit LdE, welche Ursachen, Perspektiven und fachlichen Zusammenhänge hinter einer Situation stehen und entwickeln daraus ein Engagement. Dabei lernen sie auch, wie öffentliche Strukturen funktionieren: Wer ist zuständig? Welche Regeln gelten? Wo können Bürger*innen mitgestalten?

Denken und Handeln verbinden

Lernende wollen eine Situation oder Fragestellung genauer verstehen. Dafür recherchieren, beobachten, befragen, vergleichen, ordnen und diskutieren sie. Sie nutzen Begriffe, Modelle und Denkweisen aus dem Unterricht, um reale Fragen genauer zu beschreiben und zu beurteilen. Aus ersten Eindrücken entstehen fachliche Fragen, aus fachlichen Fragen begründete Urteile und daraus Handlungsideen, die die Schüler*innen in Kooperation mit externen Praxispartner*innen umsetzen.

Drei Schritte greifen dabei immer wieder ineinander: recherchieren, handeln und reflektieren. Durch Recherche begegnen Schüler*innen Perspektiven und Bedingungen, die im Klassenraum allein oft nicht sichtbar würden. Engagement wird zur begründeten Auseinandersetzung mit einer echten Frage. Reflexion führt die Erfahrungen wieder auf das Lernen zurück: Was haben wir verstanden? Was hat uns irritiert? Was bedeutet das für unser weiteres Handeln? 

Gemeinsam lernen und handeln

Kooperation ist ein zentrales Element von LdE, sowohl im Klassenzimmer als auch in der Zusammenarbeit mit außerschulischen Partner*innen.  

Im Klassenzimmer handeln Lernende Wissen aus, gestalten die Zusammenarbeit und erleben Entscheidungsprozesse. So erfahren sie, wie demokratisches Handeln im Unterricht und der Gesellschaft gelingen kann.

Die Kooperation mit externen Partner*innen, etwa Vereinen, Initiativen oder sozialen Einrichtungen, bringt Perspektiven, Erfahrungswissen, realen Kontext und Rückmeldungen ein, die im Klassenraum allein nur begrenzt zugänglich wären. 

Die Rolle der Lehrkraft

LdE verbindet selbstständiges Lernen und Ergebnisoffenheit mit einer klaren pädagogischen Begleitung. Die Lehrkraft schafft den fachlichen Rahmen und unterstützt die Schüler*innen während des gesamten Prozesses. Sie … 

  • formuliert fachliche Lernziele und behält diese im Prozess im Blick, 

  • knüpft an Wissen und Erfahrungen der Schüler*innen an, 

  • vermittelt notwendige Begriffe, Grundlagen und Arbeitsweisen, 

  • begleitet Recherche, Arbeitsorganisation und Zusammenarbeit, 

  • strukturiert die Auswertung und Reflexion, 

  • gestaltet den Unterricht adaptiv 

  • eröffnet Entscheidungsräume 

Demokratie als Thema und Unterrichtspraxis

Demokratie wird im Unterricht mit LdE auf zwei Ebenen erfahrbar. Sie kann das fachliche Thema sein, wenn es um Fragen politischer Bildung, demokratische Prinzipien, Beteiligungsformen oder demokratische Institutionen geht. Sie kann aber auch in vielen Themen implizit angelegt sein, z.B. in Fragen von Gleichheit und Gerechtigkeit, Verantwortung, Teilhabe oder Diskriminierung. 

Vor allem wird Demokratie bei LdE als Praxis erfahrbar. Schüler*innen können eigene Fragen und Perspektiven einbringen und sie lernen, unterschiedliche Sichtweisen zu prüfen, Vorgehensweisen auszuhandeln, Ambiguitäten auszuhalten, Argumente abzuwägen und begründete Entscheidungen zu treffen.  

Schüler*innen lernen, Unterricht und Gesellschaft mitzugestalten und mitzubestimmen. Viele erleben den Unterricht dadurch als besonders sinnvoll und motivierend. LdE eröffnet so gerade auch benachteiligten Kindern und Jugendlichen neue Lernchancen.

Vielfalt und Qualität

Lernen durch Engagement ist als Unterrichtsform für alle Schularten und für jedes Alter geeignet. In unserem Netzwerk gibt es LdE-Projekte von der ersten Klasse bis zur Berufsschule. LdE ist flexibel an die Ausgangssituation der Schule, die Interessen der Kinder und die Bedarfe in Stadtteil oder Gemeinde anpassbar und kann zu den unterschiedlichsten Themen und Bildungsplaninhalten umgesetzt werden. Die Vielfalt ist eine der großen Stärken von Lernen durch Engagement. 

Allen LdE-Vorhaben gemeinsam ist die Orientierung an den sechs Qualitätsstandards für Lernen durch Engagement.

Hintergrund: Die Entstehung von Lernen durch Engagement

Service-Learning entstand in den USA und entwickelte sich dort ab den 1960er Jahren. Ausgangspunkt war die Idee, dass Bildung mehr leisten sollte als reine Wissensvermittlung: Schüler*innen und Studierende sollten demokratische Werte, Verantwortungsbewusstsein und gesellschaftliches Engagement auch praktisch erleben und einüben. 

Gleichzeitig basiert der Ansatz auf erfahrungsorientierten Lerntheorien, insbesondere auf den Ideen des Pädagogen John Dewey. Er betonte, dass nachhaltiges Lernen vor allem dann gelingt, wenn Menschen Wissen durch konkrete Erfahrungen in bedeutsamen Situationen erwerben.

Anfang der 2000er Jahre kam der Ansatz nach Deutschland. Im Rahmen eines Modellprojekts der Freudenberg Stiftung wurde er für Schulen unter dem Begriff Lernen durch Engagement (LdE) weiterentwickelt und anschließend bundesweit verbreitet. Dabei rückten insbesondere die Verbindung von fachlichem Lernen, demokratischer Bildung, gesellschaftlicher Verantwortung und Schulentwicklung in den Mittelpunkt.

Kurz und bündig: Was bringt LdE für die Beteiligten?
  • Schüler*innen erlangen fachliche, soziale und demokratische Kompetenzen und erleben Selbstwirksamkeit. 

  • Lehrkräfte fördern gelingendes Lernen und eine demokratische Unterrichtspraxis. 

  • Für Schulen kann LdE Teil von Unterrichts-, Fach- und Schulentwicklung werden und ihr Profil stärken. 

  • Engagementpartner*innen und die Gesellschaft profitieren von jungen Menschen, die sich aktiv und verantwortungsvoll einbringen. 

to top