Perspektiven auf Jugend.Paten.Schafft

Thomas Hetzel

"Thomas Hetzel heiße ich, ich bin Sozialpädagoge und arbeite seit 2001 für die RAA in MV, in verschiedenen Projektzusammenhängen. Einer davon war damals Jugend-Engagement im ländlichen Raum und über diesen Weg bin ich auf LdE gestoßen und dachte, 'Mensch, Lernen durch Engagement in Mecklenburg-Vorpommern ist genau das, was noch fehlt, und es wäre cool, wenn wir sowas hier aufbauen könnten. Für die Kinder und Jugendlichen, aber auch für die Lehrkräfte, um Strukturen zu entwickeln.

Und so kam das, dass ich Kontakt hatte zur Stiftung LdE und wir Stück für Stück mit anderen Partnern zusammen eine kleine Struktur aufgebaut haben, über Modellversuche im ganztägigen Lernen zu einem kleinen Landesnetzwerk herangewachsen sind und seit diesem Jahr eine tolle Mitfinanzierung des Landes haben, die Nordmetall-Stiftung sitzt mit im Boot, die Stiftung LdE sitzt mit im Boot und auch unsere eigene Ehrenamtsstiftung unterstützt uns sowie die Freudenberg Stiftung – und zusammen versuchen wir hier, LdE zu verbreiten.

Das ist gerade mein Hauptprojekt, und mit einem anderen Standbein arbeite ich in der Servicestelle Ganztägig Lernen – und das ist eine wunderbare Verbindung, weil wir auf diesem Weg ganz viele Schulkontakte haben und Lernen durch Engagement eine gute Möglichkeit ist für eine gute Ganztagsschule, ihr Angebot rund und an den Schüler*innen orientiert zu gestalten."

Was LdE für mich bedeutet

"Unterricht anders machen, Leute abholen, mit dem realen Leben verbinden, zu schauen, wie kann eigentlich mit der Verbindung von gesellschaftlichem Engagement und fachlichem Lernen Unterricht und vor allem auch Kompetenzentwicklung gelingen. Ich glaube, es ist ja nicht nur eine Frage der Menge des Stoffes, sondern der Relevanz und ob es das Herz von Schülern und Schülerinnen erreicht.

Lehrkräfte reagieren darauf oft erst einmal skeptisch und sagen 'Mh, ja, ob das so klappt...?' Ich spüre aber immer wieder eine Sehnsucht nach Veränderung an Schulen, viele Kolleg*innen an den Schulen, die einfach das Bedürfnis haben, auch anderen Unterricht zu machen, auch Sachen ausprobiert haben, öfters auch schon mal gescheitert sind oder von Kollegen herunter geholt worden sind, und wenn die einmal den Mut haben, diese Räume für Kinder und Jugendliche zu öffnen, dann machen die auch wunderbare Erfahrungen. Und das ist etwas, wozu wir einladen – da bietet sich LdE an.

Neben dem, dass es auch eine wunderbare Gelegenheit ist, junge Leute sehr niederschwellig an Engagement und Ehrenamt heranzuführen. Und über Selbstwirksamkeit auch politisches Verständnis und Engagement aufzubauen."

Mein LdE-Schlüsselmoment

"Ich komme ursprünglich auch aus der Jugendarbeit, und aus der Engagementförderung, und habe sehr viel als außerschulischer Partner an und mit Schulen gearbeitet, auch über Formen des Ganztages, aber was immer fehlte, war die Rückkopplung an den Unterricht.

Als außerschulischen Partner nehmen dich Lehrkräfte zur Kenntnis, manche unterstützen dich auch, aber da fehlte irgendwie immer... So nach dem Motto: 'Da ist jemand, und der macht das für uns, oder mit unseren Schülern'. Als ich auf LdE gestoßen bin und die vielen Beispiele im Bundesnetzwerk mitbekommen habe, wie das funktionieren konnte, dachte ich: Das ist genau das Mittel, um auch die Lehrer*innen an den Schulen noch enger hereinzuholen mit ihrem Interesse, Engagement von jungen Leute zu fördern, und gleichzeitig guten Unterricht zu machen.

Mein Schlüsselmoment war, dass ich Anfang der 2010er Jahre zu einer LdE-Jahrestagung nach Bensberg in der Nähe von Köln gefahren bin, da bin ich so als Skeptiker hingekommen und dachte, 'na ja, wir machen ja ohnehin LdE light, bis auf die Kopplung an den Unterricht haben wir ja schon alles drin'. Und ich bin als großer Fan zurückgekommen. Von da an, Stück für Stück, das hat ein paar Jahre gedauert, haben wir immer wieder nach Gelegenheiten gesucht, Schulen mit ins Boot zu holen, Strukturen aufzubauen... Die Jahrestagung war dafür der Schlüsselmoment, glaube ich."

LdE-Schulbegleitung: von außen auf Schule einwirken?

"Also, erst einmal ist das eine sehr tolle Arbeit. Ich sehe über diesen Weg das gesamte Panorama an guten Schulen und an Schulen mit – ich würde mal sagen, mit einem großen Entwicklungsbedarf. Als LdE-Schulbegleiter treffe ich ganz unterschiedliche Persönlichkeiten unter den Lehrer*innen, und da ist dann die Frage, was eigentlich Kern unseres Angebotes ist. Und in der Begleitung des LdE-Unterrichtsprojektes schätzen Lehrkräfte sehr, dass sich überhaupt jemand von außen wirklich interessiert, auch in Corona-Zeiten – zum Beispiel mit Telefon-Interviews, die wir gemacht haben, und da auch nochmal genau die Situation gesehen haben und unsere Unterstützungsangeboten in dieser Zeit.

Denn das Gefühl, mit Innovation auch manchmal allein gelassen zu werden, kann immer mal da sein, und auf der anderen Seite ist es bei einer Prozessbegleitung ganz toll, wenn man zusammen Schritte bespricht, Ideen hereingibt, eigene Ideen verstärkt, und auch methodische Hinweise hat, diese ganzen Erfahrungen, die wir aus Mecklenburg-Vorpommern, aber auch aus dem gesamten Bundesnetzwerk, aus der Zusammenarbeit mit der Stiftung LdE haben: Das sind Dinge, die wir weitergeben, und oft haben kleine Punkte dann eine große Wirkung.

Dass ich kein Lehrer bin, das hat Vorteile, hat manchmal vielleicht auch Nachteile, aber in der direkten Beziehungsgestaltung als Sozialpädagoge, der auch schon sehr schulnah und viel mit Kindern und Jugendlichen gearbeitet hat, glaube ich, ist das insgesamr nicht so der Nachteil. Wir haben in unserem Arbeitsfeld ganztägig Lernen Lehrkräfte mit im Team, das hat auch meine Perspektive und mein Verständnis von Schule und schulischen Abläufen nochmal sehr erweitert, und ich freu mich, dass ich ab dem nächsten Monat zwei halbtagsstellen für Lehrkräfte in unserem LdE-Kompetenzzentrum besetzen kann. Und damit haben wir dann sozusagen das gesamte Panorama, und ich glaube, das erhöht nochmal unsere Authentizität gegenüber Schulen."

Das bewirkt Lernen durch Engagement

"Ich fange mal bei den Lehrer*innen an, weil ich glaube, Erwachsene sind immer der Schlüssel – ob das Jugendbeteiligungsprozesse sind, ob das demokratische Schul- oder Unterrichtsprozesse sind... Es ist immer die Frage, welchen Möglichkeitsraum sie den Schüler*innen eröffnen, und das nicht einmalig, sondern regelmäßig neu im Schuljahr.

Und wenn ich so auf didaktische Konzepte gucke, und darauf, wie Unterricht aufgebaut ist, dann ist das ja keine Selbstverständlichkeit, Schüler*innen zu beteiligen und auch jungen Menschen etwas zuzutrauen. Wenn man zum Beispiel als Fachlehrer Mathe eine*n Schüler*in als nicht sehr leistungsstark in Mathe erlebt, vielleicht noch mit typischen Pubertätsthemen geplagt, dann wundern sich manche Kolleg*innen doch, wie diese Schüler*innen sich in diesen Unterrichtsprojekten ganz anders zeigen und ganz andere Stärken entwickeln. Und das stärkt, glaube ich, auf der einen Seite sehr die Beziehungen zwischen den Schüler*innen und der Lehrkraft.

Auf der anderen Seite hören wir auch immer wieder von den Lehrkräften, dass das auch eine unheimliche Wirkung auf die Klassenkultur, auf die Teamkultur untereinander hat, ob ich längere Zeit in einem LdE-Projekt mitarbeite oder nicht. Und für die Schüler*innen ist es zum einen der Aspekt der Kompetenzentwicklung: für sich selber und über sich selber interessengeleitet Dinge herauszufinden, neue Lebenswelten kennenzulernen, neue Erfahrungen zu machen, stärker zu werden – und wenn das noch über einen guten Reflexionsprozess rückgekoppelt ist zu Unterrichtsbezügen, ist das perfekt für Lernen durch Engagement. Und dann passieren ja auch diese Lernschritte. Das ist dann auch kein 1:1, sondern eher 1 + 0,7 = 7,3 oder so, weil da ein Multiplikationseffekt auftritt, ein Potenzierungseffekt."

Patenschaften als Vertiefung von LdE

"Als wir die Einladung gekriegt haben, bei Chancenpaten mitzuarbeiten, haben wir uns das relativ leicht vorgestellt – und in der Praxis gemerkt, LdE oder Engagement an Schule regelmäßig umzusetzen ist schon eine komplexe Sache.

Und wenn ich jetzt den Fokus etwas enger ziehe und nochmal genauer gucke, was ist eigentlich das Besondere und was sind die besonderen Chancen, wenn ich diese positiven Erfahrungen von LdE mit der konkreten Verantwortungsübernahme für andere verknüpfe, ist das auch eine Erhöhung der Komplexität von Lernen durch Engagement. Deswegen glaube ich, ist es eine besondere Herausforderung, die wir am Anfang gar nicht so gesehen haben, was da klar geleitet werden muss."

Beispiele für LdE-Patenschaftsprojekte

Das eine ist eine Gruppe von Schüler*innen aus der 9. Klasse, die regelmäßig in die 5. Klasse geht, dort den Deutschunterricht unterstützt und vor allem für Schüler*innen, die Schwierigkeiten haben in Deutsch – aufgrund von Leserechtschreibschwächen, oder wenn ich Deutsch eine Fremdsprache ist und ich mit Migrationshintergrund an der Schule bin, dass ich dann nochmal einen erhöhten Unterstützungsbedarf habe, in kleinen Lernpatengruppen.

Und das Besondere daran ist eben einmal die Beziehung, die sich zwischen den Schüler*innen aus unterschiedlichen Altersgruppen heraus prägt, und das zweite ist die Chance, die für die kleineren Kinder drinsteckt: die Lernfortschritte, die sie mit der Unterstützung eines großen Buddy bewerkstelligen – das sind schon viele herzbewegende Begegnungen. Bis dahin, dass auch die Lehrkräfte in der 5. Klasse sagen: 'Ach guck mal an, den Schüler hatte ich doch früher auch, hätte ich gar nicht gedacht, dass aus dem dieses oder jenes wird. Also, das ist schon ganz toll.

Ein zweites Beispiel: Wenn zum Beispiel Förderschüler*innen in unserem Gemüsekistenprojekte Verantwortung nicht nur für einen Garten übernehmen, sondern gleich auch für Vorschulkinder aus dem örtlichen Kindergarten nebenan, diese mitanleiten und einladen 'Hey, wir wirken hier zusammen an dem Gartenprojekt und da zeigen wir euch regelmäßig die Techniken'.

Und in dem gleichen Projekt gibt es noch eine zweite Patenschaftsebene, das sind Schüler*innen eines Gymnasiums, die im Projektfachunterricht zusammen mit Förderschüler*innen gemeinsam an dem Gartenprojekt arbeiten, und das Gymnasium macht häufig computergestützte Sachen, Forschungsprojekte, und die verbinden sich dann und ergänzen das, was im Garten entsteht, über Forschung, über Öffentlichkeitsarbeit, und und und. Und das Spannende daran ist wiederum die Begegnung zwischen den Leuten – die Vorbehalte, die auch immer wieder neu da sind, wenn das Projekt zum Schuljahresbeginn neu startet, und der Prozess, über einen Weg des gemeinsamen Gehens diese Vorbehalte abzubauen."

Das Potenzial für Patenschuften für LdE

"Ich kann dazu keine abschließende Antwort geben, weil wir da gerade noch voll im Versuchsfeld sind. Aber was ich sehe ist nochmal der Unterschied auch wirklich auf der ganz persönlichen Ebene Verantwortung zu übernehmen und auch zu lernen – Beziehungsgestaltung zu lernen. Und das ist ja etwas, was nicht immer linear schräg nach oben geht: Da kann's durchaus auch mal klemmen, da können Krisen auftreten, und dann ist die Frage, welche Lernchancen da drin stecken, diese Krisen gut zu begleiten, erfolgreich Beziehung zu gestalten, und wie wiederum Lehrer*innen die Schüler*innen dabei unterstützen können.

Und neben dem, was man bei LdE generell lernt, kriegt ein Patenschaftsprojekt vor allem dann ein i-Tüpfelchen, wenn man auch noch gemeinsam etwas Gutes für Dritte entwickelt. Da sind wir sehr gespannt, wenn wir das genauer auswerten in den nächsten Jahren oder zum Ende des nächsten Schuljahres, was dann die Schüler*innen und auch die Lehrkräfte als Lerneffekt beschreiben."

Und: das Potenzial von LdE für Patenschaften

"Das sind eigentlich die LdE-Qualitätskriterien. Das ist vor allem die Ankopplung an Schule und dass Schule dafür einen sicheren und guten Rahmen zur Verfügung stellt, indem das Handeln auch reflektiert wird, indem auch die Erfahrungen reflektiert werden, in dem Engagement gut vorbereitet und auch gut nachbereitet werden kann. Ich würde sagen, das ist das Wesentliche – bis dahin, dass am Ende auch ein schönes Stück gelebte Anerkennungskultur steht, was einfach eine stärkende Erfahrung ist.

Und dass Schule einen sicheren Rahmen gibt: Das ist etwas, was ich als Lehrkraft nicht zusätzlich machen muss, und dass ich das verbinden kann mit Lernerfahrungen und diese für den Unterricht nutzbar machen kann, das ist aus meiner Sicht das Besondere."

Beziehungsgestaltung lernen

"Ich lebe da von den Beschreibungen der Lehrkräfte, insofern habe ich da keine direkte Beobachtung. Wir erleben Schüler*innen meist auf unseren Veranstaltungen wie zum Beispiel unserer Jahrestagung oder gelegentlich bei Projektbesuchen vor Ort, wenn wir zu Präsentationen eingeladen sind oder aber zu Reflexionsgesprächen fahren, das ist aber eher die Ausnahme.

Aber auch auf unserer Jahrestagung: Ich sehe einfach sehr selbstbewusste Schüler*innen und höre dazu dann eine Beschreibung von vielen Projektbegleitern, die sagen: 'Wooow, so wie die sich heute zeigen – das ist nicht immer so. Wir wussten gar nicht, dass die das können. Wahnsinn!' Und die sind alle total stolz. Auch wenn wir sie auszeichnen und wir uns mit unseren Landeszertifikat für ihr Engagement bedanken, sehe ich: Die sind dann alle 5 cm größer."

Meine Tipps für LdE-Patenschaften

"Tipp 1: Den Mut haben, den Kindern und Jugendlichen wirklich viel zuzutrauen. Das Zweite ist: sehr achtsam sein, auf die Bedürfnisse der Schüler*innen gucken, wo klemmt die Säge und was kann ich als Person tun, damit solche Momente gut überwunden werden können. Und der dritte Tipp ist, immer wieder selber Forscher zu sein und danach zu forschen: 'Wie kann eigentlich die Erfahrung, die die Schüler*innen machen, auch mit schulischem Wissen gut verknüpft werden? Oder mit den Ressourcen und den Dingen, die Schule bereitstellt?` Also, auf ein Bewusstwerden oder Bewusstmachen des Lernens zu gucken, und immer auf die Kompetenzentwicklung."

 

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