Perspektiven auf Jugend.Paten.Schafft

Marion Schlüter

"Ich heiße Marion Schlüter, ich bin Leiterin des Kompetenzzentrums LdE – das ist angedockt an meine Schule, die Kurt-Tucholsky-Schule in Flensburg, eine Gemeinschaftsschule mit Oberstufe. Und dort habe ich das LdE-Kompetenzzentrum 2013 ehrenamtlich gegründet, weil ich gerne etwas Formales im Hintergrund haben wollte, um dann auch LdE hier in Schleswig-Holstein verbreiten zu können. Ich bin Leiterin des Projekts ‚Lernen durch Engagement – für eine Gesellschaft in Vielfalt‘, das wird gefördert von der Nordmetall-Stiftung in Zusammenarbeit mit dem Bildungsministerium und dem Institut für Qualitätsentwicklung an Schulen Schleswig-Holstein (IQSH) hier in Schleswig-Holstein.  

Ich bin außerdem Dozentin an der Europa-Universität in Flensburg für das Fach Pädagogik, und an der Schule bin ich noch zwei Tage in der Woche Lehrerin für Englisch und Wirtschaft/Politik und Mitglied der Schulleitung für Aus- und Weiterbildung und Schule/Wirtschaft. Das bin mache ich noch zwei Tage die Woche, weil ich mich entschieden habe, in Ruhestand zu gehen – aufgrund meines Alters ist das möglich – und mich dann mit meiner ganzen Kraft und Energie dem Thema Lernen durch Engagement zu widmen."

Wie ich Lernen durch Engagement erlebe

"Es ist auf alle Fälle die Antwort auf die Frage, wie ich als Lehrer*in mit Heterogenität im Unterricht umgehen kann. Das ist eine große Herausforderung für Lehrer*innen und überhaupt für Schulen, auch für Schüler*innen untereinander. Und LdE ist dafür wirklich die Lösung. Es ist auf alle Fälle eine Möglichkeit, Schüler*innen auf die Zukunft vorzubereiten, auf das Lernen im 21. Jahrhundert. Wir wissen gar nicht, welche Kompetenzen die Jugendlichen mal brauchen werden, wie die Welt dann aussieht. Und ich glaube, dass LdE zur Persönlichkeitsentwicklung wirklich einen unheimlich wichtigen Beitrag leistet.  

Es verändert Lernkultur, und das ist das, worüber wir theoretisch immer wieder reden, was daraus passieren muss. Und hier haben wir wirklich eine Möglichkeit, Lernkultur tatsächlich zu verändern. Und für mich persönlich ist es wirklich das Beste, was mir jemals in meiner ganzen beruflichen Tätigkeit begegnet ist. Und das hat mir auch ganz viel Energie wiedergegeben, auch so aus diesen Wellenbewegungen, wie so Schule sich entwickelt und Lernen sich entwickelt, wieder positiv herauszukommen."

Mein LdE-Schlüsselmoment

"Mein Schlüsselmoment ist der Umgang mit meinen Schüler*innen in meinen ersten LdE-Projekten gewesen. Ich habe gemerkt, dass ich wirklich alle erreichen kann. Ich hatte eine sehr, sehr heterogene Lerngruppe und die waren auch relativ schwierig zu unterrichten, und es gab eine große Klagemauer bei den Lehrkräften, die in diese Klasse mussten.  

Und ich dachte dann, das ist genau das Richtige – da müssen wir mit LdE ran. Und das war einfach für mich so eine überzeugende Arbeit, dass ich plötzlich hochmotivierte Schüler*innen hatte, dass sie sich entwickeln konnten, dass sie Potenziale zeigen konnten, die sonst in der Schule nie zum Tragen kommen. Damit war für mich klar: LdE ist wirklich das, was wir hier für Bildung brauchen. 

Für Schüler*innen ist es der Anteil, zur Persönlichkeitsbildung beizutragen, und die Schüler*innen verstehen mit LdE, welcher Sinn tatsächlich in Schule stattfindet und Unterricht ausmacht. Für Lehrer*innen trägt LdE dazu bei, auch wieder zu sehen, einen ganzen tollen Beruf zu haben und tatsächlich auch erfolgreich mit Schüler*innen arbeiten zu können, und für mich ist es auch ein Punkt der Gesundheitsbildung bei Lehrkräften, weil die Arbeit mit LdE wirklich zur Gesundung beiträgt: Es bringt Spaß, es ist motivierend, es wird etwas erreicht – und auch Lehrer*innen brauchen Erfahrungen der Selbstwirksamkeit, die haben sie durch LdE.  

Und für Schulleitungen oder Schulen generell ist es die Chance, aus dem theoretischen Gedankenkonstrukt, Schule zu entwickeln, herauszukommen und nicht nur tausende Konzepte zu entwickeln, sondern wirklich etwas umsetzen zu können und das, was zu Leitbildern entwickelt wird, mit Leben zu füllen. Das ist einfach ein ganz großer Erfolg." 

Mein größter Perspektivwechsel durch LdE?

"Mir ganz persönlich ist bewusst geworden, dass Reflexion etwas ganz Wichtiges ist. Das habe ich durch LdE gelernt. Und zwar, Reflexion nicht immer ans Ende einer Handlung oder eines Unterrichts oder Projekts zu stellen, sondern sie als roten Faden lebendig zu halten. Das bewirkt ganz, ganz viel in der Einstellung und Haltung – auch bei mir hat sich viel verändert. Es bewirkt ganz viel, um Vorurteile abzubauen, den Blick zu öffnen, toleranter zu werden, und dass das meine Schüler*innen als Selbstwirksamkeitserfahrung erleben, kann ich selbst nachvollziehen und insofern ist es eine persönliche Bereicherung." 

Was LdE und Schulentwicklung miteinander zu tun haben

"Lernen durch Engagement hat großes Potenzial für Schulentwicklung, weil es aus dieser bloßen Theorie herausführt. Jugend.Paten.Schafft – so, wie das Projekt angelegt ist, nämlich mit dem Blick auf Schulentwicklung – bietet eine gute Möglichkeit, eine Bestandsanalyse zu machen und zu schauen: 'Wo stehen wir eigentlich?'  

Das haben wir auch bei den Schulleitungen gesehen, dass sie gefühlt dachten, sie seien schon ganz schön weit mit ihrer Schulentwicklung und Veränderung von Lernkultur, und über die strukturierte Reflexion nochmal gesehen haben, wo noch Baustellen sind. Und dann kann man diese Baustellen anhäufen und sagen: 'Meine Güte, da ist viel zu tun', aber Jugend.Paten.Schafft oder LdE allgemein bietet eben eine wirklich gute Möglichkeit, auch schnell Erfolge zu sehen.  

Es geht auch um die Veränderung von Einstellungen und Haltung, also um Wertebildung: Die braucht natürlich Zeit. Ganz häufig merkt man als Lehrkraft erst nach vielleicht 20 Jahren, wenn man ehemalige Schüler*innen wiedertrifft und diese positiv über die Zusammenarbeit sprechen, dass man langfristig etwas bewirkt hat.

Bei LdE habe ich das Gefühl, dass ich auch sehr schnell Erfolge sehe. Und das ist natürlich das, was auch dieses sehr träge Konstrukt Schulentwicklung unbedingt braucht."

Warum Schulentwicklung oft träge ist

"Da ist einmal die gemeinsame Zielsetzung. Die Heterogenität ist ja nicht nur im Klassenraum bei den Schüler*innen gegeben, sondern auch innerhalb der Lehrkollegien - auch da gibt es ganz unterschiedliche Vorstellungen. Also da erst einmal ein gemeinsames Leitbild zu entwickeln ist schwierig.  

Dann sind einfach keine Systemzeiten für Schulentwicklung vorgesehen. Lehrkräfte arbeiten rund um die Uhr, das muss man wirklich sagen – ein sehr herausfordernder Beruf, heutzutage mehr denn je. Da ist relativ wenig Zeit für Schulentwicklung. Das auch noch unter einen Hut zu kriegen, mit viel Kraft, ist schwierig.  

Dann müssen die vielen Konzepte durch verschiedene Gremien, es kommt immer wieder von außen durch das Bildungsministerium neue Anforderungen, auf die man dann wieder reagieren muss - das geht dann schleppend voran. Diese Prozesse am Leben zu erhalten und Schritte umzusetzen und zu leben, das ist einfach ein langer schwieriger Prozess. Da ist Durchhaltevermögen ganz wichtig, aber das trainieren wir Lehrkräfte beim LdE-Projekte-Machen ja mit unseren Schüler*innen gemeinsam."

Das besondere Potenzial von LdE als Patenschaften

"Ich glaube, dass damit auf alle Fälle das Thema Inklusion gut bedient wird. Auch das ist ja offiziell ein Thema, wir reden alle drüber. Aber: Wie machen wir das lebendig? Und hier ist auch wieder tatsächlich ein Stück Inklusion zu leben und nicht nur drüber zu reden  – da ist eine ganz große Chance. Es trägt auch dazu bei, Menschenrechte umzusetzen und zu leben und bewusst zu machen, und so auch Werte zu bilden. Die Schüler*innen lernen, Verantwortung zu übernehmen.  

Und auch das ist das Besondere an Jugend.Paten.Schafft – und auch bei anderen LdE-Projekten: Aber hier ist es nochmal das ganz Persönliche. Das heißt, ich kann mich auch als Schüler*in nicht hinter meiner Gruppe, meinem Team verstecken, und die anderen machen, sondern ich bin wirklich für meine Patenschaft verantwortlich. Inhaltlich, sozial, persönlich. Das ist, glaube ich, etwas Besonderes.  

Ich bin also häufiger mit ein und demselben Menschen zusammen, arrangiere mich und engagiere mich für diesen Menschen. Von daher verändert das auf alle Fälle etwas. Und es trägt dazu bei, den eigenen Horizont zu erweitern, auch – das ist ja das Besondere bei Jugend.Paten.Schafft: auch mit Menschen zusammen zu kommen, mit denen ich in meinem Umfeld sonst vielleicht nicht ständig Kontakt habe. Auch das führt dazu, Vorteile abzubauen.  

Wir definieren Jugend.Paten.Schafft auch noch etwas weiter als ‚Jugendliche für andere Jugendliche‘: Wir machen das ‚Mensch zu Mensch‘, also zum Beispiel auch ein jugendlicher Schüler zusammen mit einer anderen Altersgruppe. Es sind viele Projekte angedacht an den schleswig-holsteinischen Schulen, in denen junge Menschen auch mit älteren Menschen etwas gemeinsam machen werden.  

Und das hat sich in Corona-Zeiten besonders positiv herausgestellt: Viele Schüler*innen, die LdE-Erfahrungen haben, haben ganz automatisch für sich entdeckt, dass die ganzen Altersheime geschlossen waren beziehungsweise niemand dort hin durfte – dann hieß es: 'Wir kümmern uns darum'. Sie haben moderne Wege gefunden, dann eben doch Kontakt zu den älteren Senioren aufzunehmen und das aufrecht zu erhalten. Das sind gute Erfahrungen für mich, die damit gesammelt werden konnten. 

Der Schwerpunkt liegt im sozialen Bereich. Das heißt, es werden auch klare zukünftige Engagement-Ideen aus dem sozialen Feld auch in anderen LdE-Projekten stattfinden können. Es hat aber auch Auswirkungen auf das grundsätzliche Verhalten von Schüler*innen in ihrem Umfeld.  

Ich glaube: Schüler*innen, die Jugend.Paten.Schafften durchgeführt haben, werden grundsätzlich lernen, anders mit Menschen umzugehen, mit ihren Mitschüler*innen, mit ihren Familienmitgliedern, mit ihren eigenen Freund*innen, und vielleicht trägt es auch dazu bei, wenn wir die Reflexion gut anlegen, dass wir vielleicht auch das Problem um Mobbing und Cyber-Mobbing in den Griff kriegen könnten. Da erhoffe ich mir ganz viel."

Schulentwicklung dank LdE-Patenschaften

"Schule soll ja immer da ansetzen, wo es Unterrichtsentwicklung gibt. Und da passiert durch LdE jede Menge, weil es eben Unterricht ist. Durch eine gute Reflexion verändert sich sehr viel in der Lernkultur, in der Art und Weise des Unterrichts, wir können nur mit offenen Unterrichtsformen arbeiten, also mit kurativen Lernformen – das heißt, es hat eine sehr, sehr positive Auswirkung auf die Unterrichtsentwicklung, das ist eine sehr große Chance. Und dann von einem anderen Unterricht, von einer guten Lernkultur wieder auf Themen zu kommen, die für Schule allgemein relevant sind, auf bildungspolitische Themen: Das halte ich dann für den richtigen Weg." 

Meine drei Tipps für gute LdE-Patenschaften

"Der erste Tipp ist mutig klein anzufangen. Nicht gleich große Projekte zu beginnen, sondern klein anzufangen. Und diesen Anfang kann ich gut meistern, indem ich auf Spurensuche in der eigenen Schule gehe und schaue, was haben wir sowieso schon im Programm, wo haben wir Kooperationen mit außerschulischen Partner*innen, was passiert da eigentlich, kann ich da andocken und vielleicht ein Jugend.Paten.Schafft-Projekt ausgeschalten? 

Dann unbedingt auf die Potenziale der Schüler*innen zu gucken, sich Zeit zu nehmen 'Was machen meine Schüler*innen eigentlich?' Also mal ins Private zu gehen, in das Umfeld der Schüler*innen zu schauen und da dann wieder Potenzial zu finden, um Projekte umzusetzen.  

Und der dritte Punkt ist auf alle Fälle, immer wieder auf der persönlichen Ebene zu reflektieren. Die Reflexion immer wieder anzusetzen – es gibt ja die vier Ebenen der Reflexion bei LdE. Hier geht es wirklich um persönliche Reflexion. Wenn das gut gelingt, dann ist es auch eine gute Chance, zwischenmenschliche Beziehungen besser werden zu lassen."

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