31. Mai 2021 LdE-Lehrerin Silke Petersen-Bukop im Portrait

"LdE ist resilienzstärkend"

Silke Petersen-Bukop ist Pädagogin an einer Flensburger Gemeinschaftsschule. Nach vielen Jahren Erfahrung ist sie überzeugt: LdE nützt Schüler*innen, Lehrer*innen und der Gesellschaft gleichermaßen, und ist ein Schlüssel für zeitgemäßes Lernen – gerade auch in der Post-Corona-Ära.

von Sarah Fuchs, Freudenberg Stiftung

"Man lernt ein Leben lang", steht für Silke Petersen-Bukop fest. Die Pädagogin unterrichtet Deutsch, Religion und Philosophie in den Klassen 5-10 an der Fridtjof-Nansen-Schule, einer Gemeinschaftsschule in Flensburg. Diese Haltung war es wohl, die dazu führte, dass Silke Petersen-Bukop nach der Geburt ihrer vier Kinder und ihrem ersten Studium in Germanistik und Romanistik noch weiter studierte, evangelische Theologie und Deutsch auf Lehramt, und auch dazu, dass sie nach vielen Jahren im Beruf im Jahr 2012 schließlich auf Lernen durch Engagement aufmerksam wurde – ganz zufällig, im Rahmen einer anderen pädagogischen Fortbildung. Heute ist sie "LdE-infiziert", sagt sie.

"Schule muss draußen stattfinden"

Neugierig geworden, meldete sie sich damals auf eigene Initiative zur bundesweiten Service-Learning-Tagung der Stiftung Lernen durch Engagement an und fing Feuer - fasziniert von Angebot und Austausch, aber vor allem vom Ansatz LdE, der darauf basiert, gesellschaftliches Engagement von Schüler*innen mit fachlichem Lernen im Unterricht zu verbinden. Denn Silke Petersen-Bukop ist überzeugt: Schule muss "draußen" stattfinden, eng verzahnt mit der Gesellschaft und dem realen Leben. "Der schlechteste Ort, um zu lernen, ist die Schule!", sagt sie mit einem Augenzwinkern.

So schlug bald die Geburtsstunde des ersten LdE-Projekts an der Fridtjof-Nansen-Schule in Flensburg, als Wahlpflichtkurs unter dem Motto "Beweg' was!". Die Nachfrage der Schüler*innen auf das neue Angebot war riesig – wenngleich zunächst in der Annahme, es gehe um Fitness und Aerobic. Aber auch das, was sich dann tatsächlich dahinter verbarg, konnte die Neunt- und Zehntklässler*innen immer mehr begeistern.

Sie lernten, was "Engagement" überhaupt bedeuten kann, wie sie herausfinden, was in einem Gemeinwesen wirklich gebraucht wird und – oft zum ersten Mal – wo ihre eigenen Stärken liegen und wie sie diese in einem Team einbringen können. Der reale Bedarf für das Engagement, die Reflexion und fachliche Aufarbeitung der Erfahrungen im Unterricht sowie die große Eigenverantwortung der Schüler*innen sind Teil von insgesamt sechs Qualitätsstandards für Lernen durch Engagement. Ziel ist eine Lernkultur, die junge Menschen in ihrer Handlungsfähigkeit stärkt und so unsere demokratische Gesellschaft nachhaltig festigt. Indem die Kinder und Jugendlichen, unabhängig von ihrer sozialen Herkunft, Kompetenzen erwerben wie Verantwortung zu übernehmen, sich aktiv zu beteiligen und kritisch zu denken.

Große und kleine Highlights mit LdE

Seither hat Silke Petersen-Bukop unzählige LdE-Projekte begleitet. Unvergesslich bleibt für sie das Projekt Krieg-Flucht-Asyl, das sie gemeinsam mit einer Kollegin und rund 60 Zehntklässler*innen initiierte und das 2018 den Schulpreis Lernen durch Engagement gewann, den die Stiftung Lernen durch Engagement jährlich verleiht. Der Hintergrund des Projekts geht ins Jahr 2016 zurück, als in Flensburg viele Geflüchtete ankamen, zumeist im Transit auf dem Weg nach Schweden. Einige blieben, wurden im Stadtleben immer mehr sichtbar. "Wir müssen das thematisieren", war Silke Petersen-Bukop überzeugt, vor allem als deutlich wurde, wie stark die Problematik in den Klassen polarisierte.

Was die Schüler*innen dann aus der in den Philosophie-Unterricht eingebetteten Themenstellung, die Öffentlichkeit über Migration und Flucht zu informieren, machten, beeindruckt sie noch heute: Ein Team entwickelte zum Beispiel nach aufwändigen Recherchen ein Erklärvideo in kindgerechter Sprache zu den Hintergründen und Ursachen von Flucht und Migration. Eine andere Gruppe erarbeitete Material zum politisch-medialen Schlagwort "Balkanroute", unter anderem eine Landkarte, die vor Augen führte, was dieser Fluchtweg tatsächlich für die Menschen bedeutete. Und wieder andere gestalteten einen "Fluchtkoffer" zum Einsatz im Unterricht, angeregt durch die Geschichte des eigenen Großvaters einer Schülerin. So entstanden ganz neue, konkrete und auch biografische Verbindungen der Jugendlichen zu dem Thema. Noch lange nach Projektabschluss führte ein Schüler auf eigene Faust weiterhin Interviews auf Flensburgs Straßen.

Auch wenn die Verleihung des Schulpreises eine große Anerkennung und ein ganz besonderes Ereignis für die beteiligten Schüler*innen ebenso wie für die Lehrerinnen war, erinnert sich Silke Petersen-Bukop vor allem an die vielen kleinen Highlights, die sie mit LdE erlebte. Der Stolz der Schüler*innen in den unteren Klassenstufen, wenn sie Vorlesestunden für Kita-Kinder organisierten etwa oder ein Schulteich, der im Rahmen eines LdE-Projekts angelegt wurde. Smartphone-Kurse für Senior*innen, für die sich die Schüler*innen vor Anfragen kaum retten konnten – wenngleich sie für die Geräte, in die Tage gekommen wie ihre Besitzer*innen, erst einmal selbst im Internet nach Bedienungsanleitungen suchen mussten. Erreicht werden können mit LdE alle Altersstufen und Geschlechter, so die Erfahrung von Silke Petersen-Bukop. Und eines lässt sich in jedem Projekt beobachten: Wie schüchterne Schüler*innen aufblühen und solche mit schulischen Schwierigkeiten verborgene Talente zeigen.

"LdE ist resilienzstärkend"

Petersen-Bukop sieht in Lernen durch Engagement einen Gegenpol zu dem seit einiger Zeit um sich greifenden "Hype der Selbstoptimierung", in dem sich alles nur um das eigene Ego drehe und der eine "Gesellschaft der Ich-linge" hervorbringe. Bei LdE hingegen sei der Blick auf das Gemeinwesen, auf die Anderen, und ein Perspektivenwechsel gefragt. Und doch geht es gleichzeitig um die Stärken der Einzelnen und das eigene Erfolgserlebnis, ein Engagementprojekt auf die Beine gestellt zu haben: Nicht zuletzt ist eine gebührende Feier mit allen Beteiligten zum Abschluss jedes Projekts fester Bestandteil von LdE.

Von der Erfahrung, selbst etwas bewirken zu können, zehren die Kinder und Jugendlichen in Momenten, in denen sie an sich und ihren Fähigkeiten zweifeln, weiß Silke Petersen-Bukop, die auch als Seelsorgerin an ihrer Schule tätig ist. Oft erinnern sich die Schüler*innen noch Jahre später an kleinste Details aus ihren Projekten.Die positiven Auswirkungen von LdE sieht Silke Petersen-Bukop aber längst nicht nur bei den Schüler*innen: "LdE ist resilienzstärkend" – für alle Seiten, gerade auch für die Lehrer*innen, sagt sie. Die Wertschätzung, die durch diese Form des Unterrichts, sowohl von den Schüler*innen als auch von den Kolleg*innen und den außerschulischen Partner*innen zurückkomme, sei "ein wahrer Schatz".

Sie spricht nicht nur aus eigener Erfahrung, als Multiplikatorin hat Silke Petersen-Bukop lange am LdE-Kompetenzzentrum Schleswig-Holstein und aktuell auch am Zentrum für Lehrerinnen- und Lehrerbildung (ZfL) der Universität Flensburg anderen Pädagog*innen Lernen durch Engagement nähergebracht und ihnen Mut gemacht, diesen neuen Weg einzuschlagen. Einen Weg, den auch das Bildungsministerium in Schleswig-Holstein im Rahmen einer 2020 neu abgeschlossenen Kooperationsvereinbarung für Lernen durch Engagement fördert.

Potenzial für die Post-Corona-Schule

LdE hat großes Potenzial für die Schule der Zukunft, ist Petersen-Bukop überzeugt. Soziale Medien und das Internet haben Lehrer*innen als Wissensvermittler*innen ersetzbar gemacht. Ihre Rolle müsse künftig daher eher die als Begleiter*innen sein, die Schüler*innen dabei unterstützen, Wissen einzuordnen und mit ihren eigenen Lebenswelten zu verknüpfen. Gerade in der Post-Corona-Zeit werde ein Unterricht, der über reines Fachwissen hinausgeht, noch wichtiger: Welche Lücken und Folgen die Krise bei den Schüler*innen hinterlassen hat, sei längst noch nicht absehbar. Es brauche dann Herangehensweisen wie LdE, die Raum für bedarfsorientiertes Lernen und gemeinsame Reflexion bieten.

Die Vision von Silke Petersen-Bukop ist es, dass in allen Fächern mit LdE gelehrt und gelernt wird. Mit vielen weiteren Ideen für künftige Projekte im Kopf, ist für sie klar: Lernen durch Engagement ist für die Zukunft der Schüler*innen viel wertvoller als jede Zeugnisnote.

 


Dieser Text erschien in der Erstveröffentlichung auf der Website der Freudenberg Stiftung. Die Freudenberg Stiftung engagiert sich seit 2001 für Lernen durch Engagement in Deutschland. Das ehemalige Schlüsselprogramm der Freudenberg Stiftung wurde 2017 als eigenständige Stiftung Lernen durch Engagement ausgegründet, die von der Freudenberg Stiftung nach wie vor institutionell und projektbezogen unterstützt wird.

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