19. Mai 2021 Interview zu Würde in Unterricht und Schule

"Wir haben unser Bewusstsein für Scham abgeschafft"

Einen neuen Umgang mit Scham zu finden: Daran arbeitet Dr. Stephan Marks seit bald 20 Jahren. Dabei gehe es um nichts Geringeres als unsere Menschenwürde. Im Interview erfahren wir, was das mit Anerkennung und Zugehörigkeit in der Schule zu tun hat – für Schüler*innen wie Lehrer*innen

Wann immer ich erzählte, dass ich ein Gespräch zum Thema "Scham" vorbereite, löste das Irritation aus. Erhalten Sie ähnliche Reaktionen?

Ja, ganz häufig. Es wird auch oft mit Schuld verwechselt. Zu Beginn meiner Fortbildungen sagen viele Teilnehmende zunächst, dass sie mit dem Thema eigentlich nichts zu tun haben. Aber das ändert sich dann sehr schnell – innerhalb von wenigen Minuten wird deutlich, was Scham für ein relevantes Thema ist. Etwa für Schulen: Es ist eine Aufgabe von Lehrer*innen, Fehler oder Fehlverhalten zu benennen. Was machen wir damit? Da hilft es weder, sie zu beschämen, noch hilft es, ihnen zu sagen: ‚Du brauchst dich aber nicht zu schämen‘ – was übrigens eine ganz häufige Reaktion ist. Würden wir so mit Trauer umgehen? Natürlich dürfen wir trauern. Und genauso glaube ich, dass wir Menschen uns schämen dürfen.

Woran beobachten Sie diesen Umgang mit Scham?

Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Bekannte von mir berichteten mal, sie haben ihren Sohn mit Familie besucht. Im Laufe dieses Wochenendes fängt das Enkelkind an, die Großmutter zu hauen, bis sie sagt: ‚Tobias, hör auf, du tust mir weh.‘ Jetzt schämt sich der Kleine, geht zum Großvater und kuschelt sich unter dessen Arm. Daraufhin sagt dieser: ‚Du brauchst dich nicht zu schämen‘. Wir alle wissen: Das ist wenig hilfreich. Stattdessen könnte der Großvater eine Haltung vermitteln, die ich so beschreiben würde: ‚Tobias, ich kenne die Scham auch und kann mir daher vorstellen, wie du dich jetzt fühlst. Ich nehme dich ernst mit deinen Schamgefühlen. Ich werde sie nicht banalisieren einerseits – und dich andererseits aber auch nicht zusätzlich beschämen, verhöhnen, lächerlich machen. Willkommen, hier darfst du sein mit deiner Scham.‘ Zu dieser Haltung kommen wir, wenn wir die Scham enttabuisieren und anerkennen – und verstehen, wie sie funktioniert.

Wir haben uns also angewöhnt, Scham wegzudrücken?

Genau. Wir kommen aus einer pädagogischen Tradition, in der es über Jahrhunderte üblich war, Schüler*innen zu beschämen, lächerlich zu machen und in die Ecke zu stellen – die sogenannte schwarze Pädagogik. Seit ein paar Jahrzehnten gibt es Gegenbewegungen: die gewaltfreie Pädagogik etwa, oder die Friedenspädagogik, die Pädagogik der Anerkennung oder auch die humanistische Pädagogik. Das hat wiederum dazu geführt, dass heute vor allem junge Lehrer*innen Angst davor haben, sie könnten Schüler*innen beschämen. Dann werden Fehler oder Fehlverhalten gar nicht mehr bearbeitet, sondern einfach der nächste Name aufgerufen.

Darin sehen Sie scheinbar keine Lösung.

Fehler oder Fehlverhalten von Schüler*innen müssen benannt und bearbeitet werden. Dies zu tun, kann Schamgefühle bei den Schüler*innen auslösen – dies müssen Lehrende aushalten und zumuten. Allerdings unter der Bedingung, nicht zu beschämen – sondern in einer würdevollen, Wertschätzung vermittelnden Haltung. Dann sind das oft die wichtigsten Lernimpulse. Das Kunststück besteht also darin, einen dritten Weg zu finden.

Lassen Sie uns einen Schritt zurückgehen: Was genau ist Scham?

Es ist zunächst eine Form von Angst, ausgelöst etwa durch einen Fehler, den wir begangen haben. Scham ist aber auch ein Alarmsignal. Wird die Würde verletzt – übrigens sowohl die eigene als auch die meines Gegenübers – springt die Scham an wie ein Seismograf, der ein Erdbeben meldet. Scham ist extrem schmerzhaft, aber auch eine der wichtigsten sozialen Emotionen, weil sie unser zwischenmenschliches Zusammensein reguliert. Die Würde des Menschen ist unantastbar, so beginnt unser Grundgesetz. Und das ist toll. Fragt man aber herum, was Menschenwürde ist, kriegt man kaum mehr zu hören, als dass sie wichtig sei. Solange jedoch der Menschenwürdebegriff abstrakt ist, ist er folgenlos. Deshalb versuche ich, Menschenwürde in die Praxis zu übersetzen – und dabei hilft uns die Scham, weil sie psychologisch für die Würde zuständig ist. Gleichzeitig ist Scham nicht gleich Scham.

Sie meinen, es gibt unterschiedliche Formen von Scham?

Ich unterscheide zwischen vier Ausprägungen von Scham. Es beginnt damit, als Individuum nicht gesehen zu werden, in unserer Einzigartigkeit nicht anerkannt zu werden. Dann werden wir geschnitten: ein interessantes Wort, das zeigt, wie schmerzhaft es ist, übergangen zu werden. Was bleibt, ist das Gefühl, ein Nichts zu sein. ‚Ich bin nicht liebenswert. Ich bin der letzte Dreck. Mich gibt's nicht.‘

Bei einer zweiten Art von Scham geht es um Gefühle, die zurückbleiben, wenn etwas Privates oder Intimes an die Öffentlichkeit gelangt. Dabei kann es um körperliche Nacktheit gehen, aber auch um einen intimen Gedanken oder Wunsch, der öffentlich und lächerlich gemacht wird – wenn also unser Grundbedürfnis nach Schutz verletzt wird.

Andere Schamgefühle kommen auf, wenn wir etwas getan haben, was sich nicht gehört oder nicht angesehen ist. 'Was denken andere von mir, meine Familie, meine Freunde oder Klassenlkameraden?' Wenn wir etwas tun, was in dem jeweiligen Kontext falsch zu sein scheint, empfinden wir Peinlichkeit. Dahinter steckt unser existenzielles Bedürfnis nach Zugehörigkeit. Und eine vierte Form von Scham tritt auf, wenn ich meine eigenen Werte verletzt habe, mir selbst nicht treu geblieben bin und nicht mehr in die Augen schauen kann. Bei diesem Schmerz ist unser Bedürfnis nach Integrität verletzt.

Sie haben daraus den "Raum der Würde" entwickelt. Was hat es damit auf sich?

In einem Raum der Würde erleben wir alle Anerkennung, Schutz, Zugehörigkeit und Integrität. Für Lehrer*innen ist das eine extrem komplexe Aufgabe. Manchen Schüler*innen scheint es zum Beispiel vor allem darum zu gehen, gesehen zu werden: Sie melden sich immer wieder und wieder. Die Gefahr dabei ist, dass sie vielleicht aus ihrer Klassengemeinschaft herausfallen, je mehr wir sie dann aufrufen. Was diesen Schüler*innen vielleicht aber eher helfen könnte, wäre mehr Zugehörigkeit: während Völkerball zum Beispiel Ausgrenzung fördert, kann die Arbeit in wechselnden Kleingruppen Zugehörigkeit stärken. In einem Klassenzimmer der Würde spüren Schüler*innen: ‚Ich sehe dich in deiner Einmaligkeit. Ich werde dich nicht lächerlich machen, ich respektiere dein Bedürfnis nach Schutz und werde dich nicht ausgrenzen – auch wenn du in Mathe eine Sechs geschrieben hast. Du gehörst dazu.‘ Das verstehe ich unter Anerkennung, die oft als Lob banalisiert wird. Auch das ist wichtig, aber Anerkennung ist eben sehr viel mehr.

Und wenn Schule nicht als „Raum der Würde“ funktioniert?

Wir haben hier in Freiburg mal Fußballtraining im Sportunterricht beobachtet, dabei kam es zu folgender Szene: Ein Schüler spielt einen schlechten Pass, wird ausgelacht und tritt im nächsten Moment brutal einem Mitschüler in die Knochen. Das heißt, er springt aus der Scham in die Gewalt. Wenn so etwas wieder und wieder im Unterricht passiert, kann das zum heimlichen Lehrplan dieses Unterrichts werden: Mit der Zeit lernen junge Menschen, Schamgefühle zum Beispiel durch verbale oder körperliche Gewalt zu ersetzen. Und zwar nicht nur in der akuten Situation: Dies kann mit der Zeit chronisch zu einer Strategie werden, um generell Schamgefühle im Leben zu vermeiden – weil die Scham so schmerzhaft ist und alles andere weniger unerträglich.

Das könnte nicht schwerwiegender klingen.

Wenn wir zu viel Scham erleben, besteht die Gefahr, in eine Schamüberflutung zu stürzen. Dann ertrinkt das Ich in Schamgefühlen – buchstäblich: Bei traumatischer Scham sind dieselben Gehirnregionen aktiv wie bei Ertrinkenden. Gehirnforscher*innen haben auch beobachtet, dass in einem Zustand massiver Scham das Reptilienhirn übernimmt – dann geht es nur noch ums Überleben: ‚fight, flight or hide‘.

Was bedeutet das für Lehrer*innen?

Manche Verhaltensweisen von Schüler*innen oder auch Eltern – etwa Coolness, Arroganz, patzige Antworten, Machogehabe, Verachtung oder Mobbing – können 'Masken' sein, hinter denen unser Gegenüber sich vor existenzieller Not, einer regelrechten Überlebensangst zu schützen sucht: Das ist traumatische Scham. 'Alles andere, aber bloß keine Scham spüren'.

Abgewehrte Scham von Schüler*innen abzukriegen, kann Lehrer*innen das Leben zur Hölle machen. Und anders herum gilt das genauso. In einer meiner ersten Fortbildungen für Lehrer*innen meldete sich nach der Einführung ein älterer Lehrer: ‚Also, Herr Dr. Marks, als ich vom Thema dieser Fortbildung hörte, war ich ziemlich skeptisch‘ – verständlich. Und dann sagte er: ‚Eben erst ist mir bewusst geworden, wie sehr ich als Schüler unter der Beschämung durch meine Lehrer*innen gelitten habe, dass ich die ganzen Jahrzehnte als Lehrer dasselbe an meinen Schülern wiederholt habe.‘ Es war mucksmäuschenstill. Sobald wir jedoch bewusst mit der Scham umgehen, gibt es ganz neue Möglichkeiten, Zwischenmenschlichkeit zu gestalten.

Das sind hohe Anforderungen an Lehrer*innen.

Das ist genau der Punkt. Ich bin sicher, alle Lehrer*innen beginnen mit dem Wunsch, es besser zu machen und Schüler*innen nicht zu beschämen, bloßzustellen oder lächerlich zu machen. Wenn aber der Stress kommt, die Rahmenbedingungen nicht stimmen, Lehrer*innen auch gesellschaftlich abgewatscht werden als ‚faule Säcke‘, wenn man eine verfehlte Bildungspolitik vertreten muss – und dann auch noch von Schüler*innen angemacht oder wie Luft behandelt wird, trotz der Mühe, guten Unterricht zu gestalten: Das macht es sehr schwer, bei sich zu bleiben. Und dann kann es eben sein, dass ich als Lehrender selbst in die Schamüberflutung rutsche und das Reptilienhirn die Regie übernimmt. In der Folge misslingt eine Schulstunde und ich schäme mich, denn „so ein Lehrer wollte ich nie werden“.

Was kann in solchen Situationen helfen?

Eine Supervision zum Beispiel – und ein wertschätzendes Kollegium. Ich kenne Lehrer*innen, denen sowas passiert: Eine Schulstunde wird in den Sand gesetzt. Wenn sie dann Kolleg*innen davon berichten, kriegen sie zu hören: ‚Ich weiß gar nicht, was du hast – ist mir noch nie passiert‘. Da zeigt sich: Zu viel Scham macht einsam und entsolidarisiert. So geht ein Kollegium kaputt: Alle machen nur noch ihr Ding und die Türen sind zu. Deswegen ist es wichtig, dass ein Kollegium oder ein Team ein Raum der Würde ist, wo ich mit meinen Schamgefühlen sein darf, und Verständnis und Unterstützung finde.

Dr. Marks, welche Probleme könnten wir mit mehr Bewusstsein für Scham lösen?

Es könnte dazu beitragen, unser zwischenmenschliches Klima entscheidend zu verbessern. Ich finde es grauenhaft, wie wir häufig miteinander umgehen – Arroganz, Abwertung, Verachtung, Mobbing: Damit haben wir massive Probleme an Schulen, in vielen Betrieben, im gesellschaftlichen Miteinander. Scham ist der soziale Affekt: Sie zu verstehen, befähigt uns, würdevoll miteinander umzugehen. Und dann wäre Würde nicht länger ein abstrakter Begriff in unserem Grundgesetz.

Vielen Dank für das Gespräch!

 

Das Interview führte Natalia Bronny


Dr. Stephan Marks ist Sozialwissenschaftler, Supervisor und Sachbuch-Autor. Seit vielen Jahren hält er Vorträge und gibt Fortbildungen zum Thema Menschenwürde und Scham. Diese richtet er an "Menschen, die mit Menschen arbeiten" – sei es in der Schule, Sozialarbeit, Beratung, Therapie, Seelsorge, Polizei, Strafgefangenenarbeit und viele andere. 2020 ist sein Werk "Scham – die tabuisierte Emotion" in 9. Auflage überarbeitet beim Patmos Verlag erschienen. Mehr erfahren Sie unter www.menschenwuerde-scham.de.

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