Demokratiekompetenz an beruflichen Schulen

Lernen durch Engagement am Oberstufenzentrum Märkisch-Oderland

Am Oberstufenzentrum Märkisch-Oderland (OSZ MOL) in Brandenburg lernen 1.800 Jugendliche und junge Erwachsene in unterschiedlichen Bildungsgängen, von der Berufsvorbereitung bis zum beruflichen Gymnasium. Wie kann ihr Unterricht so gestaltet werden, dass sie Fachwissen nicht nur erwerben, sondern auch anwenden, Verantwortung übernehmen und eigene Ideen verwirklichen?

"Wir brauchen Fachkräfte, die nicht nur Schubladenwissen haben."

Seit dem Schuljahr 2024/25 erproben drei Lehrkräfte und ihre Abteilungsleitung die Unterrichtsform Lernen durch Engagement (LdE) im dualen Ausbildungsgang "Kaufmann/Kauffrau für Büromanagement" am OSZ MOL Standort Strausberg. Im Modellprogramm “Lernen durch Engagement – für die Stärkung von Demokratiekompetenz an beruflichen Schulen” haben sie sich zu LdE qualifiziert und entwickeln ihren Unterricht weiter. Dabei werden sie auch von Schulberater*innen der RAA Brandenburg begleitet, die als regionale Kooperationspartner am Modellprogramm mitwirken. 

Eine Woche Berufsschule, zwei Wochen Ausbildung im Unternehmen: dieser Rhythmus und der Wechsel zwischen den Lernorten prägt den Alltag der Auszubildenden. Bereits im ersten Ausbildungsjahr entwickeln sie Ideen für konkretes Engagement und verbinden diese mit den fachlichen Lernfeldern ihrer Ausbildung. Über zwei Ausbildungsjahre können daraus ein oder mehrere LdE-Vorhaben entstehen, individuell oder in Kleingruppen. So engagieren sich Auszubildende etwa in einer Einrichtung für Senior*innen, restaurieren Möbel für ältere Menschen oder entwickeln psychologisch stärkende Mode für andere Auszubildende – einschließlich kaufmännischer Konzepte für Vermarktung, Vertrieb und Finanzierung. Umwege, Rückschläge und Fehler werden ausdrücklich zugelassen und gemeinsam bearbeitet. Im dritten Ausbildungsjahr können sie ihre Erfahrungen in einem projektorientierten, benoteten Lernfeld aufgreifen und LdE weiterführen.

Abteilungsleiterin Sabine Wagner gibt den Lehrkräften Rückenwind. Dahinter steht ein klares Verständnis beruflicher Bildung: “Wir brauchen Fachkräfte, die nicht nur Schubladenwissen haben.” Sie sollen Zusammenhänge verstehen, gemeinsam Lösungen entwickeln und ihr Wissen in realen Situationen verantwortungsvoll einsetzen.

Beziehungen, die Lernen möglich machen: Respektvoll, wertschätzend und zugewandt

Mit LdE sind Lernwege und Ergebnisse nicht vollständig im Voraus festgelegt. Die Lernenden entwickeln eigene Ideen, treffen Entscheidungen und übernehmen Verantwortung für ihr Vorhaben. Für die Lehrkräfte bedeutet das einen Rollenwechsel: Sie geben Orientierung und strukturieren den Prozess, ohne jeden Schritt vorzugeben. So entsteht mehr Raum für Gespräche, Beobachtung und individuelle Lernbegleitung.

Diese Offenheit braucht Vertrauen und eine Kultur, in der Fehler nicht nur korrigiert, sondern gemeinsam ausgewertet werden. Was hat nicht funktioniert? Warum war das so? Und was folgt daraus für den nächsten Schritt? Die gemeinsame Reflexion hilft den Lernenden, aus Erfahrungen zu lernen, und sich gegenseitig zu unterstützen.

Entscheidend ist dabei eine respektvolle, wertschätzende und zugewandte Haltung – auch und gerade dann, wenn Lernende Umwege gehen oder sich anders verhalten, als Lehrkräfte es mit Blick auf ihren beruflichen und gesellschaftlichen Erfolg erwarten. Dr. Patrick Richter, Leiter des Lernbereiches Büromanagement, bringt den Anspruch auf den Punkt: “Damit Lernen […] gut ermöglicht werden kann, ist es wichtig, dass wir Lehrkräfte ein Angebot schaffen, das die Lernenden auch anspricht.”

"Sie sollen erleben, dass sie innerhalb der Gesellschaft Dinge verändern können"

Am OSZ MOL wird Demokratiebildung nicht allein dem Politik- oder Sozialkundeunterricht zugeordnet, sondern als Querschnittsaufgabe verstanden. Sie zeigt sich auch darin, wie Unterricht gestaltet wird: Können Lernende eigene Anliegen einbringen? Haben sie reale Entscheidungsspielräume? Lernen sie, unterschiedliche Perspektiven auszuhandeln, gemeinsam zu wirken und Verantwortung für die Folgen ihrer Entscheidungen zu übernehmen?

LdE schafft dafür Erfahrungsräume im regulären Unterricht. Die Lernenden entwickeln Ideen, suchen Mitstreiter*innen und setzen ihre Vorhaben selbst um. Dabei knüpft LdE an drei Grundbedürfnisse gelingenden Lernens an: Zugehörigkeit, Kompetenzerleben und Autonomie. Die Berufsschüler*innen erfahren, dass ihre fachlichen und überfachlichen Fähigkeiten gebraucht werden, dass sie gemeinsam etwas bewirken können und dass ihr eigenes Handeln einen Unterschied macht.

Damit verbindet LdE fachliches Lernen mit einer demokratischen Unterrichtspraxis. Demokratische Kompetenzen werden nicht nur besprochen, sondern im Handeln erprobt und gestärkt: zuhören, Interessen abwägen, Entscheidungen treffen, Rückschläge bewältigen und Verantwortung übernehmen. Das Ziel formuliert Dr. Patrick Richter so: “Sie sollen erleben, dass sie innerhalb der Gesellschaft Dinge verändern können, wenn sie es möchten, dass sie sich auf den Weg machen können.” Sie müssen nicht darauf warten, dass andere beginnen. Sie können selbst den ersten Schritt tun und im Unterricht erfahren, was sie dafür brauchen.

Dieser Gedanke reicht am OSZ MOL bereits über den einzelnen Bildungsgang hinaus. Die Schulleitung nimmt die Erfahrungen mit LdE zum Ausgangspunkt für die weitere Schulentwicklung und betont: “Insbesondere Schulgestaltung ist ja auch eine Form der Demokratieentwicklung.” Ausgehend von der Erprobung im Ausbildungsgang Büromanagement möchte das OSZ MOL LdE schrittweise für die Schulentwicklung nutzen und weitere Bereiche der Schule einbeziehen. Im Modellprogramm begleiten wir die Schule gern auf diesem Weg.

Die Video-Aufnahmen sind im März 2026 am Standort Strausberg des OSZ Märkisch-Oderland im Rahmen des Modellprogramms „Lernen durch Engagement – für die Stärkung von Demokratiekompetenz an beruflichen Schulen“ entstanden. Das Programm wird von der Robert Bosch Stiftung gefördert und in Brandenburg gemeinsam mit den RAA Brandenburg sowie in Baden-Württemberg gemeinsam mit der Agentur mehrwert umgesetzt. Beide Organisationen wirken als regionale Partner mit.

Videos: © Stiftung Lernen durch Engagement, Kamera & Schnitt: Natalia Bronny

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