Sonderpädagogisches Förderzentrum München Mitte 2

Brieffreundschaften

Deutsch lernende Erwachsene auf der einen Seite – Erstklässler*innen, die Lesen und Schreiben lernen, auf der anderen Seite. In diesem Münchner LdE-Projekt motivieren sich zwei sehr unterschiedliche Lerngruppen gegenseitig zur Auseinandersetzung mit Sprache: mit Brieffreundschaften.

Ganzheitlicher Unterricht mit Lernen durch Engagement

Die Erstklässler*innen von Verena Böhl lernen gerade die ersten Buchstaben, als das LdE- Projekt seinen Anfang nimmt: Kinder bauen Brieffreundschaften mit Erwachsenen auf, die Deutsch als Fremdsprache lernen. Der Vorteil: Die Erwachsenen benutzen einfache Sätze, die die Erstklässler*innen gut lesen und beantworten können. Anfangs diktieren die Kinder ihre Briefe und illustrieren sie. Schnell aber wird ihnen klar: ‚Wenn wir verstanden werden und eine Antwort erhalten wollen, müssen wir lesen und schreiben können‘. „Die Sinnhaftigkeit der Basiskompetenzen war sofort klar“, sagt LdE-Lehrerin Verena Böhl.

Die Kinder erhalten Antworten, in denen sie ihren Namen lesen – die sich an sie persönlich richten: „Dadurch haben sie eine enorme Wertschätzung erfahren und ganz deutlich einen Grund gespürt, um den nächsten Brief zu schreiben." Die Frage, warum die Kinder Lesen und Schreiben lernen, stelle sich einfach nicht. „Alle Inhalte meiner Lernpläne finden sich in meinem LdE-Unterricht wieder“, sagt Verena Böhl. Themen, die sonst im Buch stehen, kommen jetzt aus den Projekten – etwa: Wie viel Geld muss die Lehrerin einsammeln, um eine Fahrkarte für den nächsten Besuch der Klasse in der Sprachschule zu kaufen? „Wir schaffen also unseren eigenen Bedarf und wenden darauf die Theorie an.“

Durch den Praxisbezug und die realen Personen, mit denen wir in Kontakt sind, sind die Schüler*innen interessiert. Je mehr Menschen sich für ein Kind und dessen Arbeit interessieren, desto motivierter ist es.

Verena Böhl LdE-Lehrerin

„LdE ist für mich besonders wirksamer Unterricht, weil er fächerübergreifend ist und ganzheitlich funktioniert, für und mit Herz, Hirn und Hand“, sagt Verena Böhl, die seit mehreren Jahren LdE-Unterricht in der Grundschulstufe eines sonderpädagogischen Förderzentrums gestaltet. „Kunst und Ethik, die Basiskompetenzen, sozial-emotionales Lernen, Demokratielernen, alles deckt das Projekt ab. Das macht LdE für mich so wertvoll.“ Wie entscheiden wir, wie wir einen Nachmittag mit unseren Brieffreund*innen gestalten wollen? Wie gehe ich damit um, wenn meine Idee überstimmt wird? Nehme ich mich weiterhin als wertvollen Teil der Gruppe wahr, auch wenn meine Idee überstimmt wurde? Demokratische Lernchancen biete der projektbasierte LdE-Unterricht immer wieder.

Motiviert Basiskompetenzen stärken 

„Die LdE-Projekte arbeiten in den Kindern. Würde ich nur mit dem Buch arbeiten, würde der Unterricht nie so ins Herz der Kinder gehen“, sagt Verena Böhl. Eine bei LdE gut zu beobachtende Entwicklung sei, dass die Kinder sorgfältig sein wollen und sich anstrengen, wenn Texte etwa für Brieffreundschaften entstehen: „Weil sich Grundschulkinder noch sehr gerne zeigen und mitteilen wollen, was sie können, wissen und gelernt haben. Gerade die Kleineren sind sehr neugierig auf die Außenwelt und freuen sich, wenn andere Menschen mit ihnen in Kontakt treten. Je mehr Menschen sich für ein Kind und dessen Arbeit interessieren, desto motivierter ist es.“ Nach einigen Monaten des Briefeschreibens treffen sich die Lerngruppen zu einem gemeinsamen Nachmittag in der Sprachschule. Zara, eine der erwachsenen Teilnehmer*innen, sagt: „Mir hat besonders die Energie der Kinder gefallen: Sie sind neugierig, offen und wollen Neues entdecken. Alle haben so einen Spaß am Lernen.“

Sabine Kante, Lehrerin an der Sprachschule, stellt fest: „Viele der Beteiligten aus den Erwachsenenkursen haben eine traumatisierende Fluchtgeschichte und das Leben in Deutschland ist nicht immer von herzlichen Begegnungen geprägt. Kinder legen zum einen meist eine große Offenheit an den Tag, zum anderen überschneiden sich bei diesem Projekt kulturelle Hintergründe von Groß und Klein. Aus diesem Grund scheinen die Begegnungen von besonderer Herzlichkeit geprägt, und wer mit dem Herzen lernt, erzielt stets bessere Lernerfolge!“

Zukunftsorientierte Unterrichtsgestaltung

Durch die Künstliche Intelligenz wird für Verena Böhl umso entscheidender, wie Schüler*innen gelerntes Wissen in die Praxis umsetzen, wie sie in Gruppen agieren, wie sie zu Lösungsfindungen beitragen: „Ich bin überzeugt, dass dadurch für mich als Lehrerin wichtiger wird, die Talente, Fähigkeiten und Interessen von jedem einzelnen Kind herauszufinden und zu stärken, und zwar von klein auf, damit die Kinder schon in der ersten Klasse beginnen, ihre Stärken zu stärken.“ Um die gehe es später im Beruf schließlich.      

Durch den praxisnahen und projektbasierten LdE-Unterricht entdecke die Lehrerin unterschiedlichere Talente ihrer Schüler*innen: „Ihre Kreativität, ihre Freude am Kontakt mit anderen Menschen: Auch diese praktischen Fähigkeiten zählen plötzlich, und das stärkt die Kinder ungemein in ihrem Selbstbewusstsein“, sagt Verena Böhl. Auch weil sie erleben, dass sie wichtiger Teil der Gruppe sind und dass das Projekt ohne ihre Fähigkeiten nicht zu einem Ergebnis kommen würde. „Diese Kinder blühen so auf, wenn sie merken, dass sie etwas können und ihr Talent gesehen wird. Die schüchternen Kinder wagen sich nach vorne, und Kinder, die eher mit Frust und Kontraverhalten reagieren, können Wertschätzung erleben und sich in die Gruppe integrieren. So kommen alle mit ihren Talenten zur Geltung.“  

Die LdE-Projekte arbeiten in den Kindern. Würde ich nur mit dem Buch arbeiten, würde der Unterricht nie so ins Herz der Kinder gehen.“

Verena Böhl LdE-Lehrerin
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