Bild von einem Hasenkopf, der mit anderem Blick auch als Entenkopf gesehen werden kann.
02. März 2026 #netzrevolte

Wenn der Hase plötzlich eine Ente ist: Wie KI unseren Blick auf Schule und Lernen verändert

Hausaufgaben von der KI schreiben lassen? Auch mal Feedback vom Chatbot statt von der Lehrkraft? Ist an vielen Stellen schon Alltag. Doch die Frage ist nicht nur, was KI in Schule kann und darf, sondern auch, wofür wir überhaupt lernen. Jöran Muuß-Merholz, zeigt, warum genau hier der Kern der Debatte liegt und warum Lernen durch Engagement dafür besonders gut aufgestellt ist. 

KI verändert unsere Sichtweise 

Jöran Muuß-Merholz ist Diplom-Pädagoge mit Schwerpunkt auf Lernen und Lehren im digitalen Wandel. In seinem Impulsvortrag “LdE, KI und WHY" im Rahmen unserer #netzrevolte-Veranstaltung “Lernen durch Engagement (LdE) im KI-Zeitalter: Worauf es bei der digitalen Demokratiebildung jetzt ankommt”, nutzt er ein bekanntes Bild, das durch den Philosophen Ludwig Wittgenstein berühmt wurde: den Hase-Enten-Kopf. Man kann darin einen Hasen sehen oder eine Ente. Beides ist richtig, aber nie gleichzeitig. Es geht um den Aspektwechsel: die unterschiedliche Sichtweise derselben Sache. 

So beschreibt Muuß-Merholz die aktuelle KI-Debatte in der Bildung. Wir schauen auf dasselbe Phänomen, aber mit unterschiedlichen Blickwinkeln. Mit der einen Brille geht es vor allem um Technik. Dann stehen Fragen im Raum wie: Wie verhindern wir KI-Betrug? Welche Tools sind erlaubt? Brauchen wir neue Prüfungsformen? Mit der anderen Brille rücken pädagogische Fragen in den Mittelpunkt: Warum lernen wir das überhaupt? Wofür ist Schule da? Was macht menschliches Lernen aus? 

Im Moment richtet sich viel Aufmerksamkeit auf die technische Seite. Doch KI verändert auch etwas anderes. Sie zwingt uns, grundlegende Fragen von Bildung neu zu stellen.  

Hinter KI-Alltagsproblemen stecken uralte Bildungsfragen 

Viele KI-Diskussionen drehen sich um sehr konkrete Situationen aus dem Schulalltag. Schüler*innen fragen, warum sie eine Aufgabe selbst lösen sollen, wenn eine KI das schneller kann. Manche fragen sich, ob Lehrkräfte noch gebraucht werden, wenn Programme erklären, Feedback geben und sogar bewerten können. Andere fragen, ob klassische Kulturtechniken wie Lesen, Schreiben und Rechnen noch dieselbe Rolle spielen. 

Muuß-Merholz macht deutlich, dass hinter diesen Fragen viel ältere und grundsätzliche Themen stehen. Wenn es darum geht, ob Schüler*innen selbst schreiben sollen, geht es im Kern um die Bedeutung von Lernen in einer Welt, in der Maschinen vieles übernehmen können. Wenn Lehrkräfte ihre Rolle neu überdenken, berührt das die Frage, was menschliche Begleitung im Lernprozess ausmacht. Und wenn über individualisierte Lernprogramme diskutiert wird, steht dahinter die Frage, warum Menschen überhaupt gemeinsam lernen und Zeit an einem gemeinsamen Ort verbringen. 

KI ist damit weniger die Ursache neuer Probleme als ein Verstärker. Sie wirkt wie ein Scheinwerfer, der auf Baustellen leuchtet, die im Bildungssystem schon lange existieren. 

Schule braucht Antworten zu Motivation, Identität, Sinn und Handlungsfähigkeit 

Im Zentrum des Impulses stehen vier pädagogische Dimensionen, die durch KI noch an Bedeutung gewinnen. 

Erstens geht es um Motivation. Warum lerne ich etwas, jenseits von Noten und Prüfungen? Zweitens um Identität und Zugehörigkeit. Welche Rolle habe ich in diesem Lernumfeld und spielt es eine Rolle, dass ich da bin? Drittens um Sinn. Wozu das Ganze, was hat das mit meinem Leben und mit der Welt zu tun? Und viertens um Handlungsfähigkeit. Erlebe ich mich als jemand, der etwas bewirken kann, oder nur als jemand, der Aufgaben abarbeitet? 

Die zentrale These von Muuß-Merholz lautet: Institutionen und Lernsettings, die auf diese Fragen tragfähige Antworten haben, sind besser auf die KI-Entwicklung vorbereitet als solche, die vor allem über Tools, Regeln und Verbote sprechen. 

Lesetipp: „Schule 2035 – Lernen nach Digitalisierung & KI“ von Jöran Muuß-Merholz, erschienen 09/2025 im Beltz-Verlag.  

Die Verbindung zu Lernen durch Engagement 

An dieser Stelle wird deutlich, wie gut Lernen durch Engagement (LdE) zu diesen Überlegungen passt. LdE verbindet fachliches Lernen mit realen gesellschaftlichen Aufgaben. Schüler*innen arbeiten nicht nur an abstrakten Aufgaben, sondern an konkreten Projekten mit Bedeutung außerhalb der Schule. 

Dadurch wird Motivation greifbar. Wenn Jugendliche ein Projekt für ein Seniorenheim planen oder sich für Umweltschutz im Stadtteil einsetzen, ist der Zweck ihres Lernens sichtbar. Die Frage nach dem „Wofür?“ beantwortet sich aus der Situation heraus. Gleichzeitig entsteht Identität durch Rolle. Lernende sind nicht nur Teil einer Klasse, sondern übernehmen Verantwortung in einem Projekt, arbeiten im Team, vertreten ihre Ergebnisse nach außen. 

Auch der Sinn des Lernens wird erfahrbar, weil Inhalte mit echten Menschen, Orten und Herausforderungen verknüpft sind. Und nicht zuletzt erleben junge Menschen ihre eigene Handlungsfähigkeit. Sie sehen, dass ihr Tun Wirkung hat. Genau diese Erfahrung wird in einer Welt, in der Maschinen immer mehr kognitive Aufgaben übernehmen, besonders wichtig.  

Gleichzeitig schließt das den Einsatz von KI im LdE nicht aus, im Gegenteil. Schüler*innen können KI sinnvoll als Werkzeug in ihren Projekten nutzen, etwa für Recherche, Planung oder Öffentlichkeitsarbeit. Ebenso können Projekte selbst darauf abzielen, KI für gemeinnützige Zwecke zu reflektieren oder einzusetzen, zum Beispiel indem Jugendliche untersuchen, wie KI soziale Initiativen unterstützen kann und wo ihre Grenzen liegen. KI wird so nicht zum Ersatz von Lernen, sondern zum Gegenstand und Werkzeug verantwortlichen Handelns. 

Entscheidend für die Zukunft sind die pädagogischen Fragen  

KI fordert Schule also nicht in erster Linie technisch heraus, sondern pädagogisch. Die entscheidende Frage lautet nicht, welche Tools erlaubt oder verboten sind, sondern welche Fähigkeiten, Haltungen und Erfahrungen junge Menschen brauchen. 

Lernen durch Engagement bietet hier bereits viele Antworten. Es stärkt Verantwortung, Zusammenarbeit, Selbstwirksamkeit und Handlungsfähigkeit. Das sind Kompetenzen, die auch dann bedeutsam bleiben, wenn Maschinen viele kognitive Aufgaben übernehmen. KI zwingt uns, genauer hinzuschauen. Mit der Perspektive von LdE wird dabei nicht nur eine Bedrohung sichtbar, sondern auch eine große Chance für die Weiterentwicklung von Schule. 

 

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